Wir veröffentlichen hier und an anderen Stellen Blogbeiträge zu relevanten Themen rund um Gaming und Radikalisierung.

Videospiele sind ein wachsender Wirtschaftszweig und eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Gaming- und gaming-nahe digitale Plattformen werden zudem immer mehr zu politischen Diskursräumen, in denen sich Millionen von Menschen zu aktuellen Ereignissen austauschen Sie sind Bestandteil moderner Wahlkämpfe und werden für politische Bildungsarbeit genutzt. Wichtige gesellschaftliche Debatten werden hier abgebildet, und beeinflusst. Deshalb ist es unabdingbar, digitale Gaming-Welten als neue gesellschaftliche Diskursräume zu begreifen, ihren Einfluss ernst zu nehmen und sie in politische Kommunikationsstrategien einzubeziehen. Dies gilt insbesondere deshalb, weil anti-demokratische Akteure momentan Teile dieser Gaming-Räume zu beeinflussen versuchen und demokratische Gegenrede unzureichend praktiziert wird.
Erscheinungsdatum des Blogbeitrags auf dem PRIF-Blog: 15.08.2024
Auch wenn sich das Klischee des jungen, männlichen und sozial isolierten Gamers hartnäckig hält und in den Medien immer wieder reproduziert wird, so ist Gaming bei weitem keine Nischenaktivität. Im Gegenteil: Über 3 Milliarden Menschen auf der Welt spielen hin und wieder digitale Spiele. Der durchschnittliche Gamer ist über 35 Jahre alt und fast die Hälfte sind weiblich. Gaming ist also eine sehr populäre Freizeitbeschäftigung vieler Menschen. Dies trifft auch auf Deutschland zu. 6 von 10 Deutschen im Alter zwischen 6 und 69 Jahren spielten im Jahr 2022 zumindest gelegentlich Computer- und Videospiele.
Gaming ist also längst ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, eine beliebte Freizeitaktivität und fester Bestandteil der Lebensrealität großer Teile der Bevölkerung. Es ist daher wenig verwunderlich, dass auch politische Akteure inzwischen versuchen Videospiele in ihre strategische Kommunikation zu integrieren und digitale Gaming-Räume zunehmend Schauplatz politischer Debatten sind. Dieser Blogartikel legt dar auf welche Art und Weise das geschieht, weshalb es sich lohnt dies im Blick zu haben und warum digitale Gaming-Welten unbedingt als wichtige politische Diskursräume verstanden werden sollten.
Videospiele sind auf internationaler Ebene bereits fester Bestandteil politischer Kommunikation. Seit einigen Jahren schon bemühen sich staatliche aber auch nicht-staatliche, oft anti-demokratische Akteure darum, Videospiele für politische Zwecke nutzbar zu machen und sie in Wahlkämpfe, strategische Kommunikationskampagnen und die Verbreitung von Propaganda einzubinden.
So versucht beispielsweise die chinesische Regierung ihre Politik mit Hilfe eines ideologisch gefärbten Videospiels zu legitimieren und Russland verbreitet seit kurzem anti-Ukrainische Propaganda und pro-Russische Desinformation in populären Videospielen. Auch in Europa und den USA integrieren immer mehr Politiker und Parteien Videospiele in ihre Kampagnen, vor allem in Wahlkampfzeiten. US-Präsident Joe Biden hat 2020 seinen digitalen Wahlkampf teilweise in den populären Videospielen Fortnite und Animal Crossing geführt, um gaming-affine Zielgruppen mit seinen Inhalten zu erreichen. In Deutschland werden beliebte Videospiele inzwischen zumindest sporadisch für politische Kommunikation benutzt – sowohl auf Eigeninitiative einzelner Politiker*innen als auch über offizielle Partei- oder Fraktionskanäle. Die rechtspopulistische Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) ging im Wahlkampf 2010 sogar noch einen Schritt weiter: Sie ließ ein eigenes Videospiel namens Moschee baba entwickeln, bei dem Spielende im Stile des bekannten Moorhuhn aus dem Boden sprießende Minarette und Moscheen ‚abschießen‘ müssen.
Videospiele werden außerdem in der politischen Bildungsarbeit eingesetzt. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschäftigt sich seit längerem mit dem pädagogischen Potenzial digitaler Spiele. Videospiele können weitreichende positive Effekte haben und spielerisch erklären wie, z. B. demokratische Prozesse ablaufen. Sie ermöglichen auch die Vertiefung wichtiger Sozialkompetenzen wie beispielsweise das sogenannte perspective-taking, bei dem die Spielenden neue Rollen einnehmen und dadurch Empathie für andere soziale Gruppen erlernen.
Doch auch anti-demokratische und extremistische Gruppierungen haben die Anziehungskraft digitaler Spiele für sich entdeckt und versuchen diese für propagandistische Zwecke zu nutzen. Bereits in den 1980er Jahren entwickelten rechtsextreme Akteure erste Videospiele wie KZ Manager, um ihre Ideologie interaktiv erfahrbar und ‚spielbar‘ zu machen. Seitdem wurden dutzende propagandistische Spiele veröffentlicht. Auch islamistische Gruppierungen wie die libanesische Hisbollah oder der sogenannte Islamische Staat publizieren digitale Spiele und verbreiten Propagandainhalte, in denen sie explizit Bezug auf populäre kommerzielle Videospiele nehmen.
Sowohl demokratische als auch anti-demokratische Akteure scheinen also das Potenzial digitaler Spiele erkannt zu haben und versuchen, dieses Medium zur strategischen Verbreitung politischer Inhalte zu nutzen. Da prognostiziert ist, dass die Relevanz von Videospielen in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird, ist anzunehmen, dass sich dieser Trend noch verstärken und die Verzahnung von Politik und digitalen Spielen immer enger werden wird.
Gaming- und gaming-nahe Plattformen sind inzwischen zu wichtigen Schauplätzen politischer Debatten geworden. Der Begriff „Gaming- und gaming-nahe Plattformen“ beschreibt digitale Plattformen, die entweder (ursprünglich) für Gamer geschaffen wurden und/oder auf denen sich eine große Anzahl an Gaming-Inhalten finden lässt bzw. die von Gaming Communities genutzt werden. Dazu gehören beispielsweise die Spielevertriebsplattform Steam, die Spielentwicklungsplattform Roblox oder Foren, in denen von Nutzer*innen erstellte Spielinhalte geteilt und diskutiert werden, z. B. Mod DB, sowie die Livestreaming Plattform Twitch und die Chat-Plattform Discord. Viele dieser Plattformen erreichen ähnlich viele oder sogar mehr Menschen als klassische Social-Media-Plattformen. So sind auf Discord 560 Millionen Nutzerprofile registriert, auf Steam sind täglich über 60 Millionen Menschen aktiv und auf Twitch haben Nutzer*innen allein im Mai 2024 etwa 1,73 Millionen Stunden Videoinhalte konsumiert – das sind fast 200 Jahre Videomaterial.
Auch wenn die Forschung zu politischen Debatten auf diesen Gaming- und gaming-nahen Plattformen noch in den Kinderschuhen steckt, ist unstrittig, dass in diesen digitalen Räumen über eine Vielzahl aktueller Themen aus Politik und Gesellschaft gesprochen und diskutiert wird. So waren beispielsweise im Juni 2024 auf Disboard, einer durchsuchbaren Liste von Discord-Servern, fast 5800 Gruppen mit Stichwort #politics versehen und wurden somit von den Nutzer*innen selbst explizit als politische Diskursräume deklariert. Viele weitere Gruppen werden zum Austausch über aktuelle Themen genutzt. So sind z. B. fast 50.000 Gruppen mit den Schlagworten #chatting oder #chat getagged, fast 59.000 mit #hangout und über 74.000 mit #social versehen.
Auf Twitch finden sich u. a. die Kategorien „IRL“ (in real life) oder „Just Chatting“, in denen auch Streams mit politischen Inhalten zu finden sind. So konnten im Juni 2024 beispielsweise etliche Analysen zur kürzlich stattgefundenen Europawahl dort aufgerufen werden. Auch auf Steam werden politische Inhalte geteilt und diskutiert. Momentan gibt es weit über 400 Videospiele auf der Plattform, die mit dem Stichwort „Politik“ oder „Politiksimulation“ getagged sind. In den Foren auf Steam werden ebenfalls politische Themen diskutiert. Im „Off Topic“ Forum, in dem Inhalte diskutiert werden, die nicht direkt mit Gaming in Verbindung stehen, hat eine Suche mit dem Schlagwort „politic“ (um sowohl politics als auch political mit einbeziehen zu können) fast 70.000 Treffer ergeben. In den gefundenen Diskussionen ging es meist um aktuelle politische und gesellschaftliche Themen, u. a. um die Covid-19 Pandemie und ihre Folgen, den Gaza-Krieg, aktuelle politische Entscheidungen auf nationaler oder internationaler Ebene, Politiker wie beispielsweise US-Präsident Biden, die europäischen Sanktionen gegen Russland im Zuge des Ukraine-Krieges, das Konzept Europas als Friedensstifter oder die Rechte von LGBTQ-Personen.
Darüber hinaus sind auch extremistische, toxische und anti-demokratische Inhalte sind auf diesen Plattformen weit verbreitet. Insbesondere extremistische Aktivitäten auf Gaming (-nahen) Plattformen werden momentan am PRIF gemeinsam mit weiteren untersucht. Das RadiGaMe-Projekt analysiert u. a. welche extremistischen Inhalte in digitalen Gaming-Räumen geteilt werden und welche Kommunikationsmuster sich hierbei erkennen lassen. Eine erste Analyse von 20 Gaming- und gaming-nahen Plattformen ergab, dass in nahezu allen digitalen Gaming-Räumen rechtsextreme, rassistische, antisemitische, homo- und transphobe Inhalte sowie Verschwörungsnarrative verbreitet werden. Auch einige islamistische Inhalte konnten identifiziert werden. Ebenso zeigen erste Studien, dass Russland gezielt versucht Desinformation und Propaganda auf Gaming-Plattformen wie Roblox zu verbreiten und damit tausende, vor allem junge Nutzer*innen erreicht. Es ist inzwischen klar belegt, dass digitale Gaming-Räume zunehmend für die Verbreitung anti-demokratischer und extremistischer Inhalte missbraucht werden und auch politische Konflikte zunehmend im Gaming-Bereich Spuren hinterlassen.
Aufgrund der hohen Nutzerzahlen erreichen diese Inhalte auf Gaming- und gaming-nahen Plattformen Millionen von Menschen, können die Meinungsbildung zu aktuellen Debatten beeinflussen und somit auch auf politische Diskurse einwirken. Deshalb ist es notwendig digitale Gaming-Räume als wichtige Schauplätze politischer Debatten zu verstehen, die dort stattfindenden Diskussionen ebenso ernst zu nehmen wie Diskurse auf anderen digitalen Plattformen und Gaming-Räume nicht dem Einfluss anti-demokratischer Akteure zu überlassen, sondern sie als integralen Bestandteil moderner politischer Kommunikation zu begreifen.
Sowohl Videospiele als auch Gaming- und gaming-nahe Plattformen haben sich in den letzten Jahren zu einem ernstzunehmenden Bereich gesellschaftlicher und politischer Debatten entwickelt. Sie sind Schauplatz demokratischer sowie anti-demokratischer Kommunikationsbemühungen und ein zunehmend integraler Bestandteil digitaler Diskurse. Diese Relevanz wird sich in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach dank des starken Wachstums der Gaming-Industrie noch vergrößern. Dies bietet für demokratische Akteure in diesen Bereichen viele Chancen, eine starke Präsenz aufzubauen und beispielsweise mit Präventionsangeboten radikalen Strömungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dass diese Entwicklung von dringender Notwendigkeit ist, zeigt sich daran, dass gegenwärtig demokratische Angebote in diesen digitalen Räumen drohen in den Hintergrund zu geraten. Im Gegensatz dazu sind anti-demokratische Akteure, Hassrede, Verschwörungsnarrative, radikale und toxische Inhalte leicht zu finden und allgegenwärtig. Aus dem Grund ist es notwendig, Gaming-und gaming-nahe Plattformen als Austragungsort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zu begreifen und sie als wichtiges Spielfeld demokratischer Kommunikationsprozesse zu verstehen. Der Gaming-Kosmos beeinflusst Millionen von Menschen und darf daher nicht zu einem alleinigen Spielfeld anti-demokratischer Player werden.

Livestreaming ist in den Fokus der Radikalisierungsforschung gerückt. Der 2019 verübte rechtsterroristische Anschlag auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch, das Attentat auf eine Synagoge in Halle im selben Jahr oder der im Januar 2021 initiierte Sturm auf das US-Kapitol, sie alle haben gemeinsam, dass die Taten gestreamed wurden und von einem Millionen Publikum live verfolgt werden konnten. Das Phänomen ist aber nicht auf diese aufsehenerregenden Fälle begrenzt. Wie dieser Blog zeigt, nehmen antidemokratische Einflussnahmen auf Livestreaming-Plattformen immer weiter zu. Am Beispiel dreier Plattformen wird gezeigt, wie demokratiefeindliche Inhalte und extremistische Botschaften verbreitet werden.
Erscheinungsdatum des Blogbeitrags auf dem PRIF-Blog: 22.08.2024
Livestreaming ist auf dem Vormarsch. Insgesamt gibt es ca. 7 Mio. Streamer*innen und ca. 140 Mio. aktive User*innen auf Twitch. Des Weiteren haben Analysen ergeben, dass allein im Mai 2024 1,73 Mio. Stunden Inhalte konsumiert wurden, was umgerechnet ca. 200 Jahre Videomaterial ergibt. In den USA ist Twitch, nach Netflix, Google und Apple, die am meisten frequentierte Webseite. Neben Streamer*innen die sich selbst beim Spielen filmen, werden auch Streams von Offline-Massenevents wie den Counterstrike Championships, mit 1.065.148 Zuschauenden, das Finale der League of Legends Worlds mit 639.375 Zuschauende und realweltliche Sportveranstaltungen, wie das Box-Event La Velda del Año 3 mit fast 3,5 Mio. Zuschauer*innen auf Twitch gestreamt.
Durch die Formate In Real Life (IRL) und Subkategorien wie Just Chatting existieren auf der Plattform Möglichkeiten des ungezwungenen und themenungebundenen Austauschs. Politische Stiftungen, Parteien und Streaming Formate nutzen dies und bieten Räume an, die eine reine Fokussierung auf gesellschaftspolitische Themen haben. Während Twitch über einen langen Zeitraum eine dominierende und unangefochtene Position im Bereich des Streamings von Videospielen einnahm, sind mit DLive (2017) und Kick (2022) zwei Konkurrenzplattformen entstanden, die sich durch eine weniger restriktive Politik gegenüber den Nutzer*innen auszeichnen. Die gesellschaftspolitischen Foren finden sich auch auf diesen Plattformen wieder. Dort bieten sie aufgrund des weitestgehend offenen Austauschformats und dem geringen Maß an inhaltlicher Moderation, ein hohes Potenzial für antidemokratische Einflussnahmen. Insbesondere Streamer*innen, die auf Twitch aufgrund von Verstößen gegen die Community-Richtlinien gesperrt wurden, nutzen diese Plattformen, um ihre Inhalte zu verbreiten. Ausweichplattformen bieten somit grundsätzlich eine toxischere Umgebung als die Originalplattform. Während es keine zuverlässigen Nutzerzahlen zu DLive gibt, ist Kick mit einem Zuschauerpeak von 981.395 gleichzeitig streamenden Personen sowie 141.700 aktiven Channel pro Monat noch weit hinter Twitch.
Im Folgenden präsentiert der Blog die vorläufigen Ergebnisse einer explorativen Studie demokratiefeindlicher Aktivitäten auf diesen drei Livestreaming-Plattformen, die im RadiGaMe Projekt durchgeführt wurde.
In der Vergangenheit kam es auf der Plattform wiederholt zu Versuchen extremistischer Einflussnahmen, bei denen Streamer*innen extrem rechte Narrative verbreiteten. Das wohl bekannteste livegestreamte extremistische Video auf der Plattform war der Anschlag auf eine Synagoge in Halle im Jahr 2019, das allerdings innerhalb von 20 Minuten durch die Plattformbetreiber gesperrt wurde und in der Folge dennoch massenhaft zirkulierte. Aufgrund der Größe und der hohen Sichtbarkeit der Plattform hat Twitch ein aktives Moderationsteam, welches die Community-Guidelines versucht umzusetzen und rechtsextreme Streamer*innen bereits sperrte.
Dennoch haben wir in unserer Beobachtung zahlreiche Inhalte vorgefunden, die Trans- und Homofeindlichkeit beinhalteten, Rassismus und Antisemitismus transportierten und rechtsextreme Ideologien unterstützten. Gesperrte rechtsextreme Streamer wie Martin Sellner wurden von anderen Streamer*innen eingeladen und konnten so trotz Sperrung weiter ihre Inhalte auf der Plattform verbreiten. In einem identifizierten Stream wurde Sellner knappe zwei Stunden zu seinem neu veröffentlichten Buch interviewt, in dem er ethnopluralistische Gesellschaften als Wunschgebilde entwirft. Des Weiteren haben rechtsextreme Influencer das neue Spiel der rechtsextremen Spielentwickler KVLTGAMES gestreamt und dabei aktiv für das Spiel geworben. Das Spiel reproduziert szenetypische Narrative, wie die des „Großen Austauschs” und kreiert Feindbilder, wie z. B. Menschen mit Migrationshintergrund, Asylsuchende, Homo- und Trans-Personen bis hin zu Politiker*innen, garniert ist dies mit optischen Bezügen zu realweltlichen Personen.
Alles in allem ist Twitch trotz aktiver Moderationsbemühungen eine Plattform, auf welcher rechte und rechtsextreme Influencer*innen eine Präsenz etablieren konnten und aufgrund aktiver Vernetzung auch geblockte Akteure ihre Botschaften verbreiten können.
Die Streaming-Plattform DLive, welche 2017 gegründet wurde und seitens medialer Berichterstattung bereits als „extremist heaven“ betitelt wurde, spielte eine signifikante Rolle während des Sturms auf das US-Kapitol im Jahre 2021. Bekannte rechtsextreme Streamer, wie zum Beispiel der America First-Host, Maga-Aktivist und Antisemit Nicholas Fuentes oder der Livestreamer Baked Alaska, welcher die Erstürmung livestreamte, riefen bereits im Vorfeld auf ihren DLive-Kanälen zu Gewalthandlungen auf. So bezeichnete Fuentes einen Großteil der republikanischen Parteimitglieder als zu weich und schlussfolgerte: „What are we going to do to them? What can you and I do to a state legislator besides kill them?” Und auch wenn DLive nach dem Vorfall ebenjene Streamer sperrte, so findet sich immer noch eine große Anzahl von rechten Streamer*innen auf der Plattform, die eine permanente Präsenz etablieren konnten und Geld mit ihren Streams verdienen.
In unserer Beobachtung konnten wir feststellen, dass viele der rechten Streamer*innen durch sogenannte „Lemons“, die plattformeigene Währung, zusätzliche Einnahmen generieren können und ihre Follower*innen zu Spenden aufriefen. Wir fanden außerdem Verlinkungen auf geschlossene Plattformen, wie zum Beispiel Telegram, die zur weiteren Vernetzung dienen und die zumeist noch explizitere Kommunikation beinhalten. Konkret wurden neben Kanälen, denen keine Initiatoren zugeordnet werden konnten und die Streams mit verschwörungstheoretischen Inhalten anbieten, rechte, antisemitische und homophobe Streamer*innen ausfindig gemacht. Dabei wurden Holocaustleugnungen, White-Genocide-Phantasmen und Umsturz-Überlegungen propagiert. Auch die deutschsprachige extreme Rechte hat hier eine etablierte Präsenz, in welcher sie Diskursverschiebungen durch vorpolitische Raumbesetzungen anstrebt (Metapolitik) sowie chiffrierte und camouflierte Kommunikationsstrategien nutzt (Dog-Whistling).
Führende Kader der identitären Bewegung, so zum Beispiel erneut Martin Sellner, haben auf der Plattform allwöchentliche Streams, in welchen sie gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und für ihre Zuhörerschaft in rechtsextremer Manier aufbereiten. Rechte Codewörter wie 14 Words und 88 sind sowohl in Profilnamen als auch in den Kommentarspalten zu beobachten. Ebenfalls auffällig sind die Anspielungen auf nordische und germanische Mythologie, wie zum Beispiel dem häufig von der extremen Rechten instrumentalisierten Nibelungen-Lied. Vor allem in den Kommentarspalten haben wir auch strafrechtlich relevante Inhalte identifiziert. So wurden Aussagen beobachtet, in denen muslimische Menschen als Kakerlaken und Ungeziefer betitelt , Jüdinnen und Juden als satanische Brut verspottet sowie Hakenkreuze gepostet wurden. Des Weiteren wurden Mordaufrufe zu Politiker*innen geteilt.
Unsere Beobachtungen zeigen, dass DLive eine wichtige Plattform für extrem rechte Akteure ist. Und trotz der Tatsache, dass DLive plattformeigene Community-Guidelines hat, in welchen hasserfülltes Verhalten explizit verboten wird, haben wir in öffentlich zugänglichen Streams und Kommentarspalten eine große Anzahl an extremistischen und antidemokratischen Inhalten vorgefunden.
Kick ist eine 2022 gegründete Streaming- und Glücksspielplattform, die große Ähnlichkeiten zu Twitch aufweist, jedoch gezielt Glücksspielformate bewirbt und eine höhere Gewinnausschüttung an ihre Streamer*innen verspricht. Hinsichtlich der Durchsetzung von Community-Guidelines weist Kick ebenfalls einen laissez fairen Umgang auf.
Es wurden zahlreiche rechtsextreme, antisemitische und queerfeindliche Streamer*innen und Kommentare vorgefunden, wobei die meisten Inhalte in einem englischsprachigen Kontext stattfanden.
Auch hier sind Kommentarspalten und Streams zugleich interessant. Der 24/7 verfügbare Kanal Infowars verbreitet extrem rechte Inhalte und Verschwörungstheorien. Der Kanal wird von Alex Jones betrieben, der als einer der Schlüssel-Ideologen der Alt-Right Bewegung fungiert. Der bereits genannte Nick Fuentes ist mit seinem America First-Format ebenfalls omnipräsent auf dieser Plattform. In solchen Formaten werden verschwörungstheoretische Inhalte verhandelt und neue Zusammenhänge vermeintlich aufgedeckt, die auf eine angebliche Verschwörung hinweisen sollen. So beobachteten wir, wie ein Streamer Kausal-Zusammenhänge zwischen der Covid-19 Pandemie, Migration und dem aktuellen Gaza-Konflikt konstruierte. Dabei entdeckten wir in der Kommentarspalte zum Beispiel die folgende Aussage: “Why are we out here slaving away for Jews who are profiting off of us killing each other”. Mit dieser Aussage nahm der Verfasser direkten Bezug auf Aussagen des Streamers, welcher eine antisemitische Verschwörungstheorie postulierte.
Unter einem Stream zu Dating-Erfahrungen eines rechtsextremen Influencers fand sich eine Masse an menschenfeindlichen und demokratiegefährdenden Kommentaren wieder. So postete ein User, dessen Profil nationalsozialistische Bezüge aufwies, Vergewaltigungs- sowie Tötungsfantasien gegenüber jüdischen Frauen. Dabei zeigt sich deutlich, dass antisemitische und rechtsextreme Rhetoriken in bestimmten Streams auf der Plattform ohne Gegenrede geäußert und seitens der Plattform toleriert werden. Ähnlich wie DLive kann Kick als wichtiger Hub für extrem rechte Propaganda gewertet werden, wobei die Multifunktionalität der Plattform als Livestreaming-Plattform für Glücksspiel und Gaming zugleich, einen Unterschied macht.
Streaming-Plattformen sind ein essenzieller Bestandteil digitaler Kulturen und beherbergen sowohl Gaming-Inhalte als auch Streams zu vielen weiteren Themen. Auf allen untersuchten Plattformen wurden bei den themenunspezifischen Streaming-Formaten Just Chatting und In Real Lifeantidemokratische und extremistische Streamer*innen und Kanäle ausfindig gemacht. Die Masse sowie Intensität der Inhalte variiert jedoch stark von Plattform zu Plattform und ist maßgeblich von der inhaltlichen Moderation abhängig. Dabei sind Streamer*innen und Zuschauende in einem Wechselspiel: Sie gehen aufeinander ein und bedingen aufkommende toxische Dynamiken gegenseitig. Durch unsere explorative Beobachtung wurde deutlich, dass antidemokratische und menschenfeindliche Inhalte auf Streaming-Plattformen frei zugänglich vorzufinden sind. Und auch wenn die Toxizität auf den Ausweichplattformen exponentiell steigt, so ist auch auf Twitch ein relativ leichter Zugang zu Streams und Kommentarspalten mit rassistischen und antisemitischen Inhalten zu beobachten. Dieses Problem gilt es in Zukunft seitens staatlicher Regularien, plattformspezifischer Durchsetzungen der Community-Guidelines und zivilgesellschaftlicher Präventionsmaßnahmen zu adressieren. Dafür müssen Plattformbetreiber, Zivilgesellschaft und Strafverfolgungsbehörden Hand in Hand arbeiten, um die Attraktivität der Streaming-Plattformen für extremistische Akteure zu minimieren und eine ohnehin in Teilen der Streaming-Szene bereits gelebte Vielfalt und Toleranz zu etablieren.

Die Debatte zur Nutzung von Gaming-Plattformen durch radikalisierte Akteur*innen hat sich infolge der Live-Übertragungen der Anschläge von Christchurch und Halle im Jahr 2019 intensiviert. Trotz des gestiegenen Interesses und obwohl deutliche Hinweise auf Radikalisierungsaktivitäten in diesen digitalen Räumen vorliegen, mangelt es bislang an fundierten Forschungsergebnissen. Das Verbundprojekt RadiGaMe strebt an, diese Lücke zu schließen. In einer ersten Phase wurden am PRIF 20 Gaming- und gaming-nahe Plattformen untersucht, um Einblicke in deren Funktionsweise sowie Relevanz für radikalisierte Akteur*innen zu erlangen. Der vorliegende Beitrag fokussiert exemplarisch auf die Plattformen Discord und Steam.
Erscheinungsdatum des Blogbeitrags auf dem PRIF-Blog: 28.08.2024
Mit der Verbreitung digitaler Spiele geht auch ein Anstieg der Vernetzungsmöglichkeiten der Spielenden einher. Auch wenn es prinzipiell möglich ist, digitale Spiele vollkommen allein zu spielen, stellt Gaming für einen großen Teil der User*innen eine explizit soziale Freizeitbeschäftigung dar. Die Vernetzung untereinander findet dabei meist online über Plattformen statt, die speziell für Gamer*innen entworfen oder vorrangig von diesen genutzt werden. Die so entstehenden Communities können besondere Qualitäten aufweisen, die sie von regional gebundenen oder denen auf anderen sozialen Online-Plattformen unterscheiden, da digitale Spielekultur – nicht zuletzt aufgrund des Erlebnisweltcharakters – mit besonderen Verhaltensmustern sowie Interaktions- und Kommunikationsmustern einhergehen kann. Diese warten mit einem eigenen Slang und Humor sowie diversen Anspielungen auf digitale Spiele und die dazugehörige Kultur auf. Neben überregionalen Beziehungen kann dabei eine häufig rauer und auf Ironie setzender Ton beobachtet werden.
Darüber hinaus konnten in der Vergangenheit immer wieder radikalisierte Aktivitäten auf gaming-nahen Plattformen beobachtet werden. Insbesondere rechte, aber auch islamistische Akteur*innen nutzen Plattformen digitaler Spiele zur Vernetzung und Koordination von Aktivitäten, zur Verbreitung von Propagandamaterial und zur Ansprache radikalisierungsgefährdeter User*innen. Die häufig nur geringe Moderation der Plattformen begünstigt die Ausbreitung derartiger Inhalte zusätzlich. So können bestehende Verbindungen gefestigt und User*innen erreicht werden, die für diese Inhalte empfänglich sind.
Dabei verbleiben diese Inhalte nicht in Onlinesphären, sondern ziehen realweltliche Auswirkungen nach sich. Mehr noch: Diese Trennung von digitalem und realem Raum lässt sich in einer derart umfassend digitalisierten Gesellschaft nicht mehr angemessen aufrechterhalten, wie das antisemitische Attentat an Jom Kippur 2019 zeigt, bei dem der Attentäter einen Massenmord in der Synagoge von Halle verüben wollte. Neben der Gamifizierung seiner Tat durch die Erstellung von Achievement-Listen für sich selbst und potenzielle Nachahmungstäter, dem Streaming seiner Tat im Stil eines Ego-Shooters auf einer Streaming-Plattform, die sich vorrangig an Gamer*innen richtet und der Verwendung eines Slangs der Gaming-Szene fällt auf, dass seine Radikalisierung unter anderem auf Gaming-Plattformen stattfand. Entgegen häufig bemühter öffentlicher Erklärungen verdeutlicht dies, dass es sich bei derartigen Tätern nicht um Einzeltäter, sondern um zumindest online sozial integrierte Personen handelt, die sich auf gaming-nahen Plattformen vernetzen.
Radikalisierte Communities verfügen zum Teil über dezidierte Plattformen, wie die vom US-Neonazi und Shoah-Leugner Andrew Anglin betriebenen Gamer Uprising Forums, die sich explizit an rechte Gamer wenden. Dennoch ist zu beobachten, dass die meisten radikalisierten Akteur*innen Plattformen nutzen, die in Gaming-Communities weit verbreitet sind und sich an die Mehrheit der Spielenden richten.
Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil der Online-Gaming-Kultur. Es existiert eine Vielzahl von Plattformen, die es Gamer*innen ermöglicht, auf verschiedene Arten miteinander zu kommunizieren. Darunter finden sich unter anderem klassische Foren, soziale Nachrichtenaggregatoren, so genannte „Looking for Group“-Plattformen, die es ermöglichen nach gleichgesinnten Spieler*innen zu suchen oder Chat-Plattformen, mit denen eigene Server betrieben werden können, auf denen sowohl schriftlich als auch mündlich kommuniziert werden kann.
Ein besonders beliebtes und weit verbreitetes Beispiel für letztere ist Discord. Die 2015 gegründete Plattform verfügt über rund 190 Millionen aktive monatliche Nutzer*innen auf etwa 19 Millionen Servern (Stand 2024). Discords Verbreitung ist vor allem auf dessen Funktionsumfang, Verbindungsqualität und Zugänglichkeit zurückzuführen und hat in den letzten Jahren zu einer teilweisen Verdrängung anderer gaming-naher Kommunikationsplattformen geführt. Die Plattform ermöglicht den Betrieb sowohl privater als auch öffentlicher Server, die von den Betreiber*innen oder mit Privilegien ausgestatteten Nutzer*innen selbst moderiert werden. Auf diesen Servern können Gruppenchats in unterschiedlichen Kanälen organisiert werden. Darüber hinaus ermöglicht Discord den User*innen private Chats untereinander, das Teilen von Text-, Audio- und Bildinhalten, Streamingfunktionen sowie die Möglichkeit Sprach- und Videoanrufe zu tätigen.
Discord ist in der Vergangenheit wiederholt als Plattform in die Öffentlichkeit geraten, die von rechtsextremen, verschwörungsmythischen, antifeministischen und islamistischen Akteur*innen genutzt wird. Auf Servern der Plattform wurden politische Aktionen wie die rechtsextreme Unite the Right rally2017 in Charlottesville vorbereitet oder Onlinebelästigungskampagnen organisiert. Unter diesen Communities befanden sich immer wieder auch solche aus dem deutschen Raum, wie das rechtsextreme Netzwerk Reconquista Germanica, das nicht nur zum Ziel hatte, rechte Online-Attacken auf politische Gegner*innen zu koordinieren, sondern auch gezielt die Alternative für Deutschland (AfD) zu stärken.
Um einem Discord-Server beizutreten, ist ein gültiger Einladungslink notwendig. Diese Links werden meist durch persönliche Weitergabe oder über bestehende Discord-Communities verteilt. Server, die abseits dessen auffindbar und betretbar sein sollen, werden in Serverlisten eingetragen und können mit Hilfe von Schlagworten durchsucht werden. Um relevante Discord-Server zu identifizieren, hat das RadiGaMe-Projekt Schlagwortsuchen in Serverlisten durchgeführt. Wie aufgrund vorheriger Studien zu erwarten war, ergab die Erkundung der Plattform eine große Anzahl auffälliger Server. Hierzu zählen Server, die sich explizit rechtsextremen oder islamistischen Inhalten widmen, wobei in einigen Fällen bereits die Serverbeschreibungen, -namen und -bilder explizit gegen bestimmte soziale Gruppen gerichtet sind. So finden sich dort antisemitische, homophobe oder rassistische Karikaturen sowie Verweise auf nationalsozialistische und islamistische Gruppierungen wie Waffen-SS, Wehrmacht oder Muslimbruderschaft. Auch mehrere Server deren eigentlicher Schwerpunkt auf digitalen Spielen liegt enthalten antisemitische, rassistische und sexistische Inhalte. Darüber hinaus konnten wiederholt Verschwörungserzählungen beobachtet werden, etwa über vermeintlich durch jüdische Akteur*innen koordinierte Schädigungen von Staaten und Individuen, sowie homophobe und misogyne Beiträge, die auch Aufrufe zur Gewalt enthielten. Zudem existieren Server, auf denen es untersagt ist, geschlechtsübergreifend zu kommunizieren. Zuletzt finden sich auch Hinweise darauf, dass die Server auch zur direkten politischen Vernetzung genutzt werden. So kommt es neben dem Austausch ideologischen Materials auch zur Planung und Bewerbung von Veranstaltungen oder zur Vereinbarung von Offline-Treffen.
Die Erforschung der Plattform ist jedoch mit ethischen sowie datenschutzrechtlichen Hürden und letztlich auch mit Risiken für die Forschenden selbst verbunden. So ist es auf vielen einschlägigen Servern erforderlich, zunächst in einer Art Lobbybereich persönliche und ideologische Fragen zu beantworten, um das notwendige Vertrauen zu gewinnen, das den Zugriff auf weitere Kanäle der Server erlaubt. Unabhängig von den damit verbundenen Abwägungen zeigt sich eine ausgesprochen große Relevanz gaming-naher Kommunikationsplattformen für Phänomene im Zusammenhang mit Radikalisierungsprozessen. Discord muss daher, in Übereinstimmung mit der vorhandenen Literatur, für die Radikalisierungsforschung als äußerst relevant erachtet werden.
Neben expliziten Kommunikationsplattformen, existieren auch solche, die in erster Linie für den Vertrieb von digitalen Spielen oder Erweiterungen entworfen wurden. Auch diese verfügen meist über Community-Funktionen und werden von den User*innen neben der Verwaltung ihrer Spiele-Bibliothek auch zur Kontaktpflege im Sinne sozialer Netzwerke genutzt. Ihr zentraler Zweck – die Verwaltung digitaler Spieleinhalte – sorgt dafür, dass nahezu alle PC-Spieler*innen von ihnen Gebrauch machen.
Die wohl bedeutendste dieser Plattformen ist Steam. Die Vertriebsplattform verfügt über gleichzeitige Nutzungszahlen von bis zu ca. 36 Millionen User*innen und stellt damit die mit Abstand größte Vertriebsplattform für digitale Spiele im PC-Bereich dar. Sie dient vor allem dem Verkauf und der Verteilung von digitalen Spielen und Zusatzinhalten und wird von vielen Entwickler*innen als exklusive Vertriebsplattform genutzt. Neben einigen weiterführenden Funktionen für digitale Spiele, Entwickler*innen und Gamer*innen fungiert Steam vor allem auch als soziales Netzwerk. Dies wird insbesondere durch gestaltbare Profile mit Freundeslisten, Foren, Gruppenfunktionen und einem eigenen Messenger sowie Streaming-Funktionen erreicht.
Steam umgab in den letzten Jahren immer wieder eine negative Presseberichterstattung. So sind Steam-Gruppen mutmaßlich an der Radikalisierung terroristischer Attentäter, wie der Täter des rassistischen und antiziganistischen Anschlags in München 2016 oder des o. g. antisemitischen Anschlags in Halle 2019 beteiligt gewesen. Es ist bekannt, dass einige Gruppen auf der Plattform ausschließlich der Verbreitung antisemitischer, misogyner, rechter oder islamistischer Inhalte dienen. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl von Diskussionsgruppen, durch die bisher weniger stark radikalisierte User*innen an radikale Inhalte herangeführt werden. Sie dienen somit sowohl als Vernetzungs- als auch als Agitationsumgebungen. Neben diesen Kommunikationsinhalten sind auch Spielinhalte wiederholt durch radikalisierte, beispielsweise antisemitische Inhalte aufgefallen.
Im Rahmen einer Exploration von Steam konnten vermehrt Nutzer*innen-Profile ausfindig gemacht werden, die durch verschiedenste radikalisierte Inhalte ausgeschmückt wurden. Bezüge zum Nationalsozialismus werden bereits durch Verwendung von Namen und Avataren deutlich. Dies geschieht beispielsweise durch die Verwendung rechter Codes oder Fotos von Angehörigen der Wehrmacht oder Waffen-SS. Auch finden sich dort antisemitische Karikaturen oder die Verhöhnung von im Zuge der Shoah ermordeten Jüdinnen*Juden, die Verherrlichung von Terrororganisationen und Attentäter*innen, islamistische Anspielungen, Bezüge zu Incel-Bewegungen oder anti-linke Symbole. Die Hintergründe der Nutzer*innen-Profilseiten werden zum Teil mit Wehrmachtsästhetik geschmückt. Auch in den Kommentarspalten wird einschlägig kommuniziert, genau wie in den Foren der Plattform, in denen es immer wieder zu antisemitischen, rassistischen, verschwörungsmythischen, islamistischen oder misogynen Äußerungen kommt. So begegnet man in den Diskussionsbereichen antisemitischen Beleidigungen von Personen des öffentlichen Lebens sowie anderer User*innen, Shoah-Relativierungen und -Leugnungen, rassistischen Anspielungen, Verschwörungserzählungen, beispielsweise bezüglich der Covid-19-Pandemie, völkischen Ideologien, wiederholten Bagatellisierungen von Gewalt mit Verweis auf die freie Meinungsäußerung und den gängigen Umgangston in Communities digitaler Spiele sowie Aufstachelungen zur Gewalt bis hin zu Mord. Obwohl Steam die Möglichkeit bietet, geschlossene Gruppen zu erstellen, sind viele radikalisierte Inhalte offen zugänglich, sodass die Gruppen ihren Mitgliedern auch als Aushängeschild ideologischer Standpunkte dienen.
Diese ersten Explorationsergebnisse bestätigen die vermutete Relevanz der untersuchten Plattformen für Interaktionen mit Radikalisierungsbezügen. Die bisher durchgeführten Untersuchungen belegen, dass gaming-nahe Kommunikationsplattformen ebenso wie Spieleplattformen von radikalisierten Akteur*innen genutzt werden und radikalisierte Inhalte enthalten. Trotz des zunehmenden Interesses an der Nutzung digitaler Spielräume durch entsprechende Akteur*innen fehlt es jedoch noch immer an systematischen Erhebungen und Analysen, um die Rolle dieser Plattformen im digitalen Ökosystem der Radikalisierung angemessen beurteilen zu können.
Im weiteren Verlauf des RadiGaMe-Projektes werden ausgewählte Plattformen eingehend analysiert, um das Verständnis von radikalisierten Inhalten und Radikalisierungsprozessen in Räumen digitaler Spiele zu erhöhen. Dabei werden auch Plattformen untersucht, die von der Radikalisierungsforschung bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind, ersten Explorationen nach jedoch äußerst relevante Räume für Radikalisierungsprozesse und somit letztlich auch für Präventionsbemühungen darstellen können. Dies trifft insbesondere auf Plattformen zu, die dem Vertrieb von digitalen Spielen sowie Spiel-Modifikationen dienen und die von einer Vielzahl von Spielenden auch zur Vernetzung genutzt werden. Erste Erkenntnisse zeigen, dass in diesen Räumen offen zugänglich umfangreiches radikalisiertes Material geteilt und somit niedrigschwellig in Umlauf gebracht wird.

Digitale Gaming-Räume und insbesondere Gaming- und Gaming-nahe Plattformen werden inzwischen nicht nur für Diskussionen über Videospiele genutzt. Da sich auf diesen Plattformen Millionen von Nutzer*innen tummeln, die diesen Diskursen ausgesetzt sind, sind digitale Gaming-Räume immer wichtiger für gesellschaftliche Diskurs- und individuelle Meinungsbildungsprozesse. Dabei zeigt sich eine Überrepräsentation populistischer und rechtsradikaler Inhalte. Unter Umständen beeinflussen diese sogar reale politische Entscheidungen – denn auch aktuelle (welt-)politische Themen und politische Ereignisse wie die Bundestagswahl werden dort verhandelt.
Erscheinungsdatum des Blogbeitrags auf dem PRIF-Blog: 20.02.2025
Auch wenn die Einzelheiten über politische Inhalte in der Gaming-Welt noch nicht hinreichend erforscht sind, ist es bereits jetzt unstrittig, dass insbesondere auf Gaming- und Gaming-nahen Plattformen politische Themen verstärkt diskutiert werden. Der Begriff „Gaming- und Gaming-nahe Plattformen“ beschreibt digitale Plattformen, die entweder (ursprünglich) für Gamer geschaffen wurden und/oder auf denen sich eine große Anzahl an Gaming-Inhalten finden lässt bzw. die von Gaming Communities genutzt werden. Dies umfasst beispielsweise Kommunikationsplattformen wie Discord, Vertriebsplattformen für digitale Spiele wie Steam oder Modifikationen von Spielen wie Mod DB, Spieleentwicklungsplattformen wie Roblox oder Streaming-Plattformen wie Twitch. Dieser Beitrag zeigt an Kurzerhebungen auf Steam, Roblox und Twitch beispielhaft, wie politische Themen und Ereignisse wie die Bundestagswahl auf diesen Plattformen diskutiert werden.
Steam erlaubt es, alle auf der Plattform vorhandenen Foren gleichzeitig zu durchsuchen, was vor allem für englischsprachige Schlagworte einen schnellen und unkomplizierten Überblick ermöglicht. Unsere Suche ergab fast 720.000 Treffer zum Stichwort „politic” – um sowohl political als auch politics und verwandte Begriffe gleichzeitig zu erheben. Offenbar gab es in den letzten Monaten einen eklatanten Anstieg an politischen Diskussionen auf Steam: Eine Suche des gleichen Begriffs im Juni 2024 ergab nur etwa 70.000 Treffer und allein in den 24 Stunden zwischen dem 31. Januar und dem 1. Februar 2025 wurden über 600 neue Posts mit diesem Stichwort veröffentlicht. Dieser Anstieg korreliert mit der Wahl in den USA im November 2024. So ergab unsere Suche beispielsweise fast 130.000 Treffer zum Stichwort „election”, über 205.000 Treffer zu „Trump” und fast 70.000 Treffer zu „Harris.” Auch aktuelle (welt-)politische Themen werden in den englischsprachigen Steam-Foren eingehend diskutiert, z.B. in Diskussions-Threads mit Titeln wie „Which side of the Gaza war are you on and why?” oder „Canada vs USA trade war.”
Um die Suche nach Inhalten zur Bundestagswahl besser eingrenzen zu können, haben wir außerdem Zahlen im Deutschen Forum auf Steam erhoben, das zum Zeitpunkt der Erhebung Anfang Februar 2024 etwa 260 Diskussions-Threads enthielt. Das Stichwort „Politik” brachte in diesem Forum 1600 Treffer, das Wort „Wahl” über 2300. Auch Parteipolitik wird dort diskutiert: So ergab die Suche nach SPD etwas über 1300 Treffer, nach FDP etwas über 1000, Grüne circa 530 Treffer, CDU wurde in etwa 600 Posts erwähnt und AfD in über 2300. BSW war mit 170 Treffern die mit Abstand am wenigsten diskutierte Partei und für Die Linke konnten keine verlässlichen Zahlen erhoben werden, da die Suchfunktion auch die Worte (Web-)Link sowie links als Richtungsanweisung ausgibt. Im Gegensatz zur Stichwortsuche im englischsprachigen Forum, war die Suche nach Namen einzelner Politiker*innen im deutschen Forum vergleichsweise unergiebig.
Zum Zeitpunkt der Erhebung wurde im Deutschen Forum vor allem über die AfD diskutiert. Dabei zeigten sich teilweise hitzige Diskussionen und ein großes Meinungsspektrum: So war der Diskussions-Thread „Nur noch AfD”, erstellt Anfang 2025, mit über 600 Posts sehr aktiv. Doch auch Threads mit Titeln wie „AFD-Verbot Thema im Bundestag“ oder „Nur nicht blau”, deren Ersteller*innen der AfD offensichtlich kritisch gegenüberstehen, zeigten ein hohes Maß an Aktivität Anfang Februar.
Ähnlich wie im englischsprachigen Forum scheinen politische Diskussionen auch im deutschen Forum in jüngster Zeit zugenommen zu haben, insbesondere Diskussionen über Parteipolitik. So stammt der erste Beitrag zur AfD zwar aus dem Jahr 2014, doch die überwiegende Mehrheit der Inhalte wurde erst vor kurzem verfasst – viele sogar erst in den letzten Wochen. Auch der erst Ende Januar eröffnete Diskussionsstrang „Raus mit der Politik aus dem deutschen Forum!” mit der Beschreibung „Würde ich richtig gut finden, mal wieder entspannt hier reinschauen zu können, ohne überall nur Propaganda zu lesen”, legt diese Vermutung nahe.
Inhalte auf der Online-Spieleplattform Roblox sind nur begrenzt durchsuchbar und Diskussionsinhalte in Gruppen können nicht nach Schlagworten gefiltert werden. Die automatisierte Zensur, die Begriffe oder ganze Posts unkenntlich macht, erschwert die Einordnung von Inhalten zusätzlich. Bezüge zur Bundespolitik lassen sich daher vor allem dort identifizieren, wo diese bereits in den Namen von Profilen, Gruppen, Gegenständen oder Spielinhalten enthalten sind.
Tatsächlich ließen sich keine Gruppen finden, die sich explizit der Bundestagswahl widmen. Allerdings finden sich einige Gruppen, die sich direkt auf Parteien beziehen. Darunter sind alle Parteien mit einem relevanten zu erwartenden Stimmenanteil bei der Bundestagswahl, mit Ausnahme des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Hinzu kommen vereinzelte Kleinstparteien wie Die Rechte. Dass zu jeder Partei nur ein bis drei Gruppen existieren, dürfte auch am vergleichsweise jungen Alter der User der Plattform liegen. Rund 60 % der User sind unter 18 Jahre alt. 42 % der User sind unter 13 Jahre alt.
Dieses junge Alter macht sich auch in der Kommunikation bemerkbar. Unter den politisch interessierten User*innen finden sich wiederholt Verweise darauf, dass diese noch nicht im Wahlalter angelangt sind, ihre Reichweite aber dennoch für Wahlwerbung nutzen wollen. Diese politischen Äußerungen sind jedoch allgemeiner Natur und beziehen sich nicht auf aktuelle Ereignisse, wie die Bundestagswahl. Direkte Aufrufe zur politischen Agitation fanden sich ausschließlich in der einzigen gefundenen Gruppe zur Partei Die Linke und in verschiedenen Gruppen zur AfD: In der Gruppe Die Linke wurde dazu aufgerufen, diverse rechte Gruppen aufzusuchen und dort „ANTIFA!“ in die Kommentarspalte zu schreiben. User*innen aus Gruppen zur AfD suchen wiederum gezielt linke und grüne Gruppen auf, um dort AfD-Wahlwerbung zu platzieren und auf ihre eigenen Gruppen zu verweisen.
In Gruppen zur FDP, den Grünen oder der SPD finden sich hingegen kaum politische Äußerungen, die über eine kurze Beschreibung der politischen Ausrichtung der Partei in der Selbstbeschreibung der jeweiligen Gruppe hinausreichen. Dies liegt auch daran, dass viele Parteigruppen vorrangig zu Rollenspielzwecken existieren und zu Teilen von Spielinhalten werden, in denen die User*innen selbst die Rolle von Parteimitgliedern einnehmen. Doch auch die Gruppen, die sich stärker der Politik verschreiben, nutzen spielerische Funktionen der Plattform. So ist es möglich, Partnerschaften zwischen Gruppen einzugehen. Dabei können „Verbündete“ und „Feinde“ festgelegt werden, die dann über Verlinkungen erreichbar sind. Auf diese Weise werden letztlich selbst politische Gegner beworben. Dies schließt an die spielerisch wirkenden Agitationsversuche an. Auch Kritik an politischen Ausrichtungen, artikuliert in den Kommentarspalten, wirkt häufig kindlich. Sie wird in der Regel durch Provokation der kritisierten Position getragen.
Die meisten Gruppen verfügen über nur wenige Mitglieder – in der Regel unter 20 und häufig im einstelligen Bereich. Gruppen mit Bezug zur AfD bilden jedoch eine Ausnahme: Sie stellen nicht nur den mit Abstand höchsten Anteil aller Parteigruppen. Sie verfügen auch zum Teil über mehr als 100 Mitglieder. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Deutschland-Gruppen, die sich bereits in ihrer Selbstbeschreibung positiv auf die AfD beziehen. Auch ist die AfD die einzige Partei, zu der sich einige Marktplatzartikel finden, mit denen Avatare auf der Plattform gestaltet werden können. Darunter vor allem Shirts mit AfD-Schriftzügen. Allerdings fällt auf, dass viele Inhalte von denselben Personen stammen. Auch mehrere AfD-Gruppen wurden von denselben User*innen erstellt.
So spielerisch das Verhalten der User auch wirken mag, kommt es dabei häufig zu Grenzüberschreitungen. Innerhalb der AfD-Gruppen werden Naziparolen oder offene rassistische Beleidigungen artikuliert. Auch die Namen der User*innen bestehen zum Teil bereits aus rechtsextremen Codes oder offenen Mordaufrufen, beispielsweise gegen LGBTIQ+. Einige Gruppen bestehen vor allem zu dem Zweck, gezielte Stürme auf Roblox-Spiele (sogenannte „Erlebnisse“), Gruppen oder Discord-Chat-Server politischer Gegner zu koordinieren. Viele der Gruppen verlinken auf eigene Discord-Server. Es ist davon auszugehen, dass die überwiegende Zahl politischer Gespräche dort stattfinden, da die Inhalte dort geringerer Zensur unterworfen sind und teilweise privater vonstattengehen können.
Auf der Streaming-Plattform Twitch lassen sich diverse Kategorien ausmachen, die einerseits nach Spielen und andererseits nach Themen differenziert sind. Von Relevanz für die vorliegende Analyse ist die Kategorie „Politik“, die eine Vielzahl an Kanälen mit dem Hashtag #politik umfasst. Zum Zeitpunkt der Analyse belief sich die Anzahl der Follower*innen dieser Kategorie auf knapp 269.510, wobei davon auszugehen ist, dass die tatsächliche Anzahl an Nutzer*innen, die sich politische Inhalte auf Twitch anschauen, um ein Vielfaches höher ist.
Einige der Kanäle streamen politische Veranstaltungen, wie zum Beispiel Bundestagsdebatten oder einzelne Reden verschiedener politischer Akteur*innen und kommentieren diese ungefiltert mit teilweise starken Meinungen. So wurde die US-Wahl im letzten Jahr nicht nur von einzelnen Streamer*innen aufgegriffen, die entweder republikanische oder demokratische Positionen hatten, sondern auch Politiker*innen selbst sind hier aktiv. Ein Beispiel ist der Twitch-Account von Donald J. Trump mit über 300.000 Follower*innen. Im deutschen Wahlkampf nutzt der grüne Spitzenkandidat die Plattform und stand im Livestream mit dem Streamer HandofBlood (1,3 Mio. Follower*innen) Frage und Antwort.
Die Bemühungen der Content Moderation auf Twitch sind spätestens seit dem live gestreamten antisemitischen Attentat auf die Synagoge in Halle 2019 gestiegen und führende extrem rechte Kader wurden von der Plattform verbannt. Dennoch sind antidemokratische Streamer*innen, Kanäle und Netzwerke zu beobachten. Hier sind lose Netzwerke aktiv, die sich gegenseitig referenzieren und ähnliche Inhalte teilen. Das wohl follower*innenstärkste Netzwerk beinhaltet ein Sammelsurium aus konservativen und extrem Rechten Akteur*innen, mit Kanälen, die stellenweise über 200.000 Follower*innen innehaben und Ironie sowie dog-whistling Elemente nutzen, um rassistische Äußerungen zu teilen. Dabei haben sie zum Teil hohe Anschlussfähigkeit an den Mainstream, da sie sich Elementen der Gaming-Kultur bedienen und die politische Dimension der Streams zweitrangig erscheinen lassen.
Dieses Netzwerk tritt immer wieder populistisch in Erscheinung und zeigt Unterstützung für die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel sowie die migrationsfeindlichen Positionen des BSW. In den Kommentarspalten zeigen sich dann vermehrt rechtsradikale Kommentare. Events wie das live übertragene Gespräch zwischen Alice Weidel und Elon Musk, in welchem ein geschichtsrevisionistisches Bild gezeichnet wurde, waren bei diesen Streamer*innen beliebt und wurden teilweise mit deutscher Übersetzung übertragen. Auch die Bundestagsdebatte zum migrationsfeindlichen 5-Punkte-Plan der CDU, welcher einen Tabubruch in der Zusammenarbeit mit der AfD signalisierte, wurde massenhaft gestreamt und kommentiert. Mindestens 50 Streamer*innen übertrugen diese Debatte live und eine Vielzahl eben jener Streamer*innen bejubelte die Abstimmung. In den Kommentarspalten fanden sich zudem offen rechtsextreme und xenophobe Kommentare.
Ebenfalls zu beobachten sind Kanäle, die spezifisch parteipolitische Agenden betreiben und Wahlslogans etc. in ihren Influencer-Persönlichkeiten/Avataren implementiert haben. Dabei ist auch hier ein Übergewicht rechtspopulistischer Tendenzen zu beobachten.
Digitale Gaming-Räume, insbesondere Gaming-nahe Plattformen, sind inzwischen zu wichtigen politischen Diskursräumen geworden, in denen sich Millionen von Nutzer*innen zu nationalen wie internationalen politischen Ereignissen, Wahlen und Parteien austauschen. Dabei ist ein starkes Übergewicht rechtspopulistischer Inhalte zu beobachten. Die Plattformen sind nicht nur Schauplatz politischen Austauschs: Die hier stattfindenden Diskussionen können auch auf Meinungsbildungsprozesse und gegebenenfalls sogar auf politische Realitäten einwirken. Deshalb müssen Gaming- und Gaming-nahe Plattformen als wichtige Austragungsorte politischer und gesamtgesellschaftlicher Auseinandersetzungen wahrgenommen und von demokratischen Akteur*innen als solche anerkannt werden.

Wenn beispielsweise hetzerische Äußerungen in Messenger-Gruppen getätigt werden, wird das Strafrecht als Instrument zur Bekämpfung von Radikalisierung in Stellung gebracht – konkret durch Straftatbestände, die den öffentlichen Frieden schützen, wie etwa die Volksverhetzung (§ 130 StGB). Sie können als Spielregeln eines demokratischen Diskurses der Verbreitung extremistischen Gedankenguts entgegenstehen. Diese „Spielregeln“ müssen jedoch auch kritisch hinterfragt werden und dürfen nicht zu leichtfertig angewendet werden. Problematisch ist auch, dass Radikalisierung vermehrt abseits öffentlicher sozialer Netzwerke stattfindet – in privaten oder zumindest teilweise geschlossenen Kommunikationsräumen, den sogenannten „Dark Socials“. Es stellt sich die Frage, ob das geltende Strafrecht geeignet ist, mit diesen neuen Herausforderungen umzugehen.
Erscheinungsdatum des Blogbeitrags auf dem PRIF-Blog: 18.07.2025
In jüngster Zeit haben die Straftatbestände der Volksverhetzung in § 130 Abs. 1-3 StGB an Relevanz gewonnen. Zum einen lässt sich ein starker Anstieg in den Fallzahlen verzeichnen: Laut dem Bundeskriminalamt gab es zwischen 2022 und 2023 einen Anstieg von etwa 65 %. Außerdem rückt Volksverhetzung immer wieder durch prominente Fälle in den öffentlichen Fokus, etwa wenn es um rechtsextreme Polizeichats oder Aussagen von Politiker*innen geht. Dabei ist die Volksverhetzung einer von mehreren Straftatbeständen, die den öffentlichen Frieden schützen oder bei denen dies diskutiert wird.
Der öffentliche Frieden ist ein schillernder Begriff, von dem es aber kein einheitliches Verständnis gibt. Nach der wohl gängigsten Definition schützt er einen Zustand der allgemeinen Rechtssicherheit und das durch das Vertrauen in die allgemeine Sicherheit begründete Gefühl der Sicherheit in der Bevölkerung. Nach dieser Definition hat der öffentliche Friede eine objektive und eine subjektive Komponente: Der Zustand der allgemeinen Rechtssicherheit, also die objektive Komponente, bezeichnet die Einhaltung aller rechtlichen Normen. Dass das Recht im Allgemeinen nicht gebrochen wird, ist jedoch kein besonders spezifisches Schutzziel für eine Strafvorschrift. Deswegen ist die subjektive Komponente wichtig, um zu verstehen, was den öffentlichen Frieden ausmacht. Sie bezeichnet das durch das Vertrauen in die allgemeine Sicherheit begründete Gefühl der Sicherheit in der Bevölkerung.
Mit dem Sicherheitsgefühl der Bevölkerung rückt jedoch ein sozialpsychologischer Zustand in den Mittelpunkt des strafrechtlichen Schutzes, der nur schwer messbar ist (Hörnle, Grob anstößiges Verhalten, 2004, S. 105). Es ist kritisch zu betrachten, dass hier ein (Un-)Sicherheitsgefühl zur Grundlage für einen Eingriff in die Grundrechte durch das Strafrecht gemacht wird. Strafrechtliche Normen sollen zwar auch das allgemeine Sicherheitsgefühl stärken, jedoch ist die wahrgenommene Unsicherheit bzw. die Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung kein empirisch gestütztes Indiz für eine tatsächliche Bedrohungslage.
In vielen Tatbeständen zum Schutz des öffentlichen Friedens ist es eine ausdrückliche Voraussetzung für die Strafbarkeit, dass eine Handlung geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Dieses Eignungsmerkmal erfüllt jeweils unterschiedliche Funktionen, wobei diese davon abhängt, wie der Tatbestand im Übrigen formuliert ist.
Beschreibt der Tatbestand auch ohne die Störung des öffentlichen Friedens ein strafwürdiges Unrecht, dient die Eignungsklausel lediglich als Korrektiv zur Ausscheidung nicht strafwürdiger Fälle. Dann kann davon ausgegangen werden, dass die Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens durch die Verwirklichung des übrigen Straftatbestandes indiziert wird und keiner besonders eingehenden Prüfung bedarf.
Dahingegen erfüllen andere Straftatbestände nur ein strafwürdiges Unrecht, wenn die Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens berücksichtigt wird. In diesem Fall stellt das Merkmal dann nicht mehr nur ein Korrektiv dar und muss im Einzelfall positiv festgestellt werden.
Ein Beispiel für diese Differenzierung findet man im Straftatbestand der Volksverhetzung nach § 130 Abs. 2 StGB. Dieser stellt das Billigen, Leugnen und Verharmlosen bestimmter unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangener Gewalthandlungen unter Strafe. Laut dem Bundesverfassungsgericht stellt das Merkmal der Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens bei den Tatbestandsvarianten des Billigens und des Leugnens ein Korrektiv dar, während es im Zusammenhang mit dem Verharmlosen strafbarkeitsbegründend ist. Dies lässt sich dadurch begründen, dass verharmlosende Äußerungen noch eher einer diskursiven Lösung zugänglich sind als billigende oder leugnende Äußerungen.
Unter dem Begriff der Fragmentierung der Öffentlichkeit werden Prozesse diskutiert, die zum Zerfall von Gesellschaften in soziokulturelle Segmente oder voneinander isolierte Teilöffentlichkeiten führen, in denen unterschiedliche Wertemuster gelten. Auch wenn in einer demokratischen Gesellschaft wohl keine einheitliche Öffentlichkeit existieren kann, so scheint es, als würden sich die Teilöffentlichkeiten in jüngerer Zeit immer weiter aufgliedern. Als Gründe dafür werden unter anderem die Megatrends Globalisierung und Digitalisierung benannt. Faktoren wie die zunehmende Mobilität von Menschen, Migrationsbewegungen und neue Entfaltungsmöglichkeiten über digitale Kommunikationstechniken sowie zunehmende Bedürfnisse nach individueller Selbstverwirklichung führen zu strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen und zum Wandel kultureller Werte (Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, 2019, S. 9 ff.).
Auch bei Äußerungen in solchen Umgebungen können Straftatbestände zum Schutz des öffentlichen Friedens greifen. Ihre Anwendung bereitet in diesen Räumen allerdings große Schwierigkeiten. Zunächst führt die Fragmentierung der Öffentlichkeit hin zu Gruppen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen dazu, dass sich ein gesamtgesellschaftlicher Wertekonsens immer schwieriger feststellen lässt. Öffentliche Diskurse werden tendenziell als hitziger und feindseliger wahrgenommen. Es stellt sich die Frage, inwieweit das Konzept des öffentlichen Friedens dieser sich verändernden Diskurskultur Rechnung tragen kann, ohne den in einer Demokratie wichtigen Prozess der Meinungsbildung und gegenseitigen Auseinandersetzung zu unterbinden.
Äußerungsdelikte zum Schutz des öffentlichen Friedens greifen zudem in die Meinungsfreiheit ein. Unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts kann es bei der Anwendung des Strafrechts an dieser Stelle nicht darum gehen, die Gesellschaft vor besonders provokanten Meinungen oder Ideologien zu schützen. Es muss stattdessen darum gehen, Rechtsgutverletzungen zu verhindern, also die Verletzung von rechtlich geschützten Interessen oder Gütern. Denkbar ist eine Bestrafung von Äußerungen, „die ihrem Inhalt nach erkennbar auf rechtsgutgefährdende Handlungen hin ausgelegt sind“ und damit den „Übergang zu Aggression oder Rechtsbruch markieren“, etwa bei Appellen oder Emotionalisierungen, „die bei den Angesprochenen Handlungsbereitschaft auslösen oder Hemmschwellen herabsetzen oder Dritte unmittelbareinschüchtern“.
Als aktuelle Erscheinung einer fragmentierten Öffentlichkeit wird unter dem Schlagwort „Dark Socials“ die Tendenz des Rückzugs aus den öffentlichen Bereichen sozialer Netzwerke in private oder zumindest teilweise geschlossene Kommunikationsräume diskutiert. Dabei handelt es sich beispielsweise um Gruppen auf Messengerdiensten wie Telegram oder WhatsApp, aber auch Kanäle auf Discord. Diese Kommunikationsräume zeichnen sich dadurch aus, dass Nutzer*innen eine gewisse Hürde überschreiten müssen, um der Kommunikation beizutreten. Die Zugangsbeschränkungen gehen von einem einfachen Beitreten mit einem Einladungslink über das Schreiben einer kurzen Bewerbung bis hin zu strengen Interview-Prozessen. Sie gelten in besonderem Maße als anfällig für demokratiegefährdende Inhalte wie Hassrede und Fehlinformationen und sind damit oft Zentrum von Radikalisierungsprozessen.
Besondere neue Schwierigkeiten ergeben sich dadurch, dass sich „Dark Social“-Umgebungen häufig weder eindeutig der Privatkommunikation noch der öffentlichen Kommunikation zuordnen lassen. Dies lässt sich anhand eines Beispiels zeigen:
Nutzer*in N teilt in einer Gruppe auf Telegram ein Meme, das eine bestimmte ethnische Gruppe verächtlich macht. Er könnte sich dadurch wegen Volksverhetzung nach § 130 Abs. 1 Nr. 2 StGB strafbar gemacht haben.
Durch das Meme greift N die Menschenwürde derer an, die Teil einer durch § 130 StGB geschützten Gruppe sind. Damit der Tatbestand von § 130 Abs. 1 Nr. 2 erfüllt ist, muss darüber hinaus aber auch eine Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens gegeben sein. Hier handelt es sich bei der Eignungsklausel um ein Korrektiv, weil auch ohne sie ein strafwürdiges Unrecht vorliegt. Fraglich ist also, ob ausnahmsweise ein Fall vorliegt, in dem keine Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens gegeben ist. Kennen sich alle Mitglieder der Gruppe untereinander, ist die Kommunikation in der Gruppe nicht öffentlich. Jedoch ist dies keine zwingende Voraussetzung für die Eignung zur Störung des öffentlichen Friedens. Die Rechtsprechung verlangt vielmehr, dass konkrete „Gründe für die Befürchtung vorliegen, der Angriff [im Sinne von § 130 Abs.1 StGB] werde das Vertrauen in die öffentliche Rechtssicherheit erschüttern“. Ein solcher Grund kann sein, dass eine Kommunikation „einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden kann“.
Rein technisch betrachtet ist es bei Nachrichten in einer Gruppe auf einem Messengerdienst leicht möglich, dass die Inhalte plattformübergreifend verbreitet werden. Es ist aber auch zu überprüfen, ob die Gruppe im Einzelfall auch darauf gerichtet ist, eine größere Breitenwirkung zu erreichen. Dazu sind die Eigenheiten der konkreten Kommunikationsumgebung zu würdigen, also etwa die Zusammensetzung der Mitglieder, das dort übliche Kommunikationsverhalten und die von der Gruppe hierfür selbst gesetzten Regeln.
Diese kritische Würdigung im Einzelfall gelingt den Staatsanwaltschaften und Gerichten jedoch nur selten. Eher wird die Eignung von Äußerungen zur Gefährdung des öffentlichen Friedens kurz und floskelhaft festgestellt. Bei einer so oberflächlichen Auseinandersetzung kann das Merkmal der Eignung seiner Funktion als Korrektiv oder sogar als Begründung eines strafwürdigen Unrechts aber nicht gerecht werden. Gerade in der fragmentierten Öffentlichkeit droht damit eine leichtfertige Anwendung des Strafrechts in Fällen, in denen eine Gefährdung des öffentlichen Friedens nicht genau begründet wurde.
Dies ist nicht nur angesichts der verfassungsrechtlich gewährleisteten Meinungsfreiheit kritisch zu beurteilen. Eine leichtfertige und damit weite Anwendung des Strafrechts könnte auch dazu führen, dass sich die davon erfassten Personen noch weiter in die (vermeintlich) von staatlichen Eingriffen freien Bereiche der „Dark Socials“ zurückziehen, was wiederum weitere Abspaltung dieser Gruppen und damit eine Begünstigung von Radikalisierung zur Folge haben könnte. Aus diesem Grund muss auch mit anderen Maßnahmen gegen Radikalisierungsprozesse vorgegangen werden, die diese längerfristig unterbinden. Auch das Strafrecht kann dazu beitragen, das gesellschaftliche Klima zu beruhigen. Dazu bedarf es jedoch einer sorgfältigen und kritischen Rechtsanwendung, die das „schärfste Schwert des Rechtsstaates“ nur für solche Inhalte anwendet, die eindeutig gefährlich sind.
Die Straftatbestände zum Schutz des öffentlichen Friedens werden durch die Fragmentierung der Öffentlichkeit vor neue Herausforderungen gestellt. Die juristischen Ansätze zur Feststellung einer Störung des öffentlichen Friedens, welche auf kaum messbare psychosoziale Zustände abstellen, sind problematischer denn je.
Das Strafrecht findet immer komplexere und schärfere gesellschaftliche Konflikte vor. Eine mögliche Folgerung daraus ist, auf die vereinigende Kraft eines starken Strafrechts zu setzen. Aktuell ist eine Bereitschaft zur weitreichenden Anwendung der Delikte zum Schutz des öffentlichen Friedens durch die Strafverfolgungsbehörden erkennbar und es werden Debatten über die Erweiterungen dieser Delikte geführt. So planen CDU, CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag eine Verschärfung von § 130 StGB und bedenken den Entzug des passiven Wahlrechts bei mehrfacher Verurteilung wegen Volksverhetzung.
Es gibt aber auch eine andere mögliche Folgerung: Das Strafrecht muss sich verstärkt am Zustand der Gesellschaft orientieren, wenn es um den Schutz des öffentlichen Friedens geht. Strafvorschriften können das Ideal einer einheitlichen Gesellschaft mit einem klaren Wertekonsens weder vorgeben noch durchsetzen und müssen berücksichtigen, dass fragmentierte Gesellschaften Konflikte anders austragen. Provokative oder sogar feindselige Kommunikation steht nicht zwingend im Widerspruch dazu, dass ein Meinungsbildungsprozess stattfindet. Es muss immer wieder kritisch hinterfragt werden, welche Meinungsäußerungen in einer demokratischen Gesellschaft noch ertragen werden müssen und welche tatsächlich ein strafwürdiges Unrecht darstellen.
Damit Straftatbestände wie § 130 StGB ihre Funktion als Spielregeln im demokratischen Diskurs erfüllen können, muss es klare Kriterien dafür geben, wann eine Äußerung den öffentlichen Frieden gefährdet. Dazu sollte der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts folgend darauf abgestellt werden, ob eine Äußerung zur Agitation dient oder sonst dazu geeignet ist, zur Verletzung weiterer Rechtsgüter zu führen. So wird verhindert, dass das Strafrecht dazu instrumentalisiert wird, einen Wertekonsens durchzusetzen, der in einer fragmentierten Öffentlichkeit in vielen Fällen nur scheinbar existiert. Außerdem wird so eine zielgerichtete Anwendung des Strafrechts gegen eindeutig gefährliche Äußerungen begünstigt.
Dieser Blogpost beruht auf dem Zeitschriftenbeitrag „Der strafrechtliche Schutz des öffentlichen Friedens in einer fragmentierten Öffentlichkeit“, Juristenzeitung 2024, S.870 ff. von Prof. Dr. Sebastian Golla.

Februar 2026
Seit dem Frühjahr 2024 lässt sich in Deutschland wieder eine Zunahme von gewaltbereiten, häufig jugendlich geprägten Gruppen konstatieren. Neben anderen rechten Gruppen wie der sogenannten „Letzen Verteidigungswelle“ oder auch den „Sächsischen Separatisten“ sind die „Active Clubs“ ein besonders auffälliges und sich weltweit schnell verbreitendes Phänomen. Infolge der offiziellen Ankündigung des Konzeptes Ende 2020 haben sich weltweit laut aktuellen Zählungen 126 „Active Clubs“ etabliert. Letztere können als sinnbildlich für eine strategische Anpassung der extremen Rechten verstanden werden. Diese passt ihre Inszenierungsstrategien an die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse an und nutzt dabei das Thema Männlichkeit, um neue Zielgruppen zu erreichen.
In diesem Zusammenhang spielt die Messenger-Plattform Telegram eine zentrale Rolle für die Ausbreitung der „Active Clubs“, da Inhalte auf der Platform wenig moderiert werden und sich schnell eine hohe Reichweite bei der angestrebten Zielgruppe generieren lässt. Darüber hinaus ermöglicht Telegram eine unkomplizierte Vernetzung und den Informationsaustausch zwischen den einzelnen lokalen Clubs, oft auch über Ländergrenzen hinweg. Die einfache Funktion zum Teilen von Bildern und Videos der Kampfsport-Aktivitäten, Trainings und gemeinsamen Auftritte trägt zudem maßgeblich zur Selbstinszenierung der Bewegung bei und dient als wichtiges Element zur weiteren Mobilisierung von Anhängern.
Die Strategie der „Active Clubs“ zielt laut eigener Aussage darauf ab, möglichst innerhalb eines lokalen Kontextes durch ein nach außen gemäßigtem Auftreten vornehmlich junge weiße Männer zur Teilnahme an einer rechten Organisation zu bewegen. Im Zentrum stehen sportliche Aktivitäten, die von gemeinsamen Wanderungen bis hin zu Fitness- und Kampfsporttraining reichen. Darüber hinaus bilden typische Propaganda-Aktionen wie die Verbreitung eigener Sticker, Transparente oder auch Graffiti als Teil der Gruppenbildung. Zentraler Aspekt hierbei ist die Darstellung und Verbreitung der eigenen Aktionen und des Trainings mittels sozialer Medien, größtenteils über den Messenger-Dienst Telegram.
Der internationale Erfolg des Konzeptes lässt sich dabei nicht nur im Kontext eines allgemeinen Rechtsruckes beziehungsweise im Anschluss an eine sich online präsent zeigende Alt-Right-Bewegung (alternative Rechte, im dt. Kontext oft Neue Rechte) erklären. Vielmehr kann er auch als Entwicklung einer Fixierung der extremen Rechten insgesamt mit dem Agitationsthema Gender bzw. Antifeminismus betrachtet werden. Das Konzept der „Active Clubs“ gerät so als eine Erscheinungsform „maskulinistischer Identitätspolitik“ in den Blick, mit der die extreme Rechte versucht, eine selbst herbeibeschworene Krise von Männlichkeit und Maskulinität aufzulösen. Im Selbstverständnis der Akteure soll durch den Rückgriff auf Fitnesskult und den Trendsport Mixed Martial Arts (MMA) eine aktionsorientierte und wehrhafte Männlichkeit inszeniert werden, die als Gegenentwurf zu einer diagnostizierten schwachen, ‚modernen‘ Männlichkeit verstanden wird. Diese „schwache Männlichkeit“ wird von der Szene als Produkt eines „degenerierten“ und feminisierten westlichen Mainstreams interpretiert, der durch Gleichstellungspolitik und „Political Correctness“ die traditionelle männliche Rolle untergraben habe. Die körperliche Ertüchtigung und die Ästhetik der „Active Clubs“ sollen jungen Männern somit einen konkreten, physisch erfahrbaren Weg anbieten, um die vermeintliche Schwäche zu überwinden und das Ideal einer dominanten, kämpferischen Männlichkeit zu verkörpern.
Die Inszenierung einer kampfbereiten Männlichkeit durch die Active Clubs scheint zunächst im Kontrast zu sich in den letzten Jahren zunehmend ausdifferenzierenden und modernisierenden Geschlechterkonstruktionen innerhalb der extremen Rechten zu stehen. Wie Heilmann ausführt, existieren unterschiedliche Ausprägungen von Männlichkeitsvorstellungen innerhalb der extremen Rechten wie z.B. dem bürgerlichen NPD Parteifunktionär im Nadelstreifenanzug oder dem traditionellen elitären Verbindungsstudenten. Prägend für die öffentliche Wahrnehmung sind allerdings insbesondere die Entwürfe des gewaltaffinen Skinheads oder des Straßenkämpfers aus der Freien Kameradschaft. Im Vergleich dazu haben sich Männlichkeitsentwürfe der extremen Rechten beispielsweise mit dem Aufkommen der „Autonomen Nationalisten“ vor allem auf ästhetischer Ebene modernisiert und flexibilisiert. Diese Modernisierung hat sich mit dem Auftreten der Identitären Bewegung noch verstetigt: Mayrl stellt für die Identitäre Bewegung Österreichs eine Konstituierung der Männlichkeit vornehmlich im Modus einer vermeintlichen Vernunftfähigkeit bzw. Rationalität und risikohaften Aktionismus fest. Überspitzt gesagt lässt sich hier in der öffentlichen Wahrnehmung eine Verschiebung des Blicks weg vom pöbelnden rechten Skinhead hin zum transparente-ausrollenden rechten Aktivisten feststellen.
Eine Ähnliche Erweiterung lässt sich für Inszenierungen von Weiblichkeit in der extremen Rechten beobachten: Haas zeigt für identitäre Frauen eine Modernisierung um das Konzept der wehrhaften Femininität im Modus von konservativer, rebellischer und moderner Weiblichkeit auf. Neben den Entwurf des konservativen „anständigen Mädchens“ tritt hier in der rebellischen Inszenierung eine Positionierung zutage, von der aus z.B. eigene Szenestrukturen kritisiert werden können. Ebenso kommt Goetz zu dem Ergebnis, dass sich identitäre Inszenierungen von Weiblichkeiten entlang der Ausprägungen „Erhalt des Eigenen (Mutter)“ und „Schönheit des Eigenen (sexualisiertes Objekt)“ organisieren, die sich im Bild des „Kampf für das Eigene (Kampfgefährtin)“ verbinden sollen.
Trotz der dargestellten Aktualisierungen in den Geschlechterkonstruktionen extrem rechter Akteure bleibt in Bezug auf Männlichkeitskonstruktionen das soldatische Ideal in der extremen Rechten hegemonial wirkmächtig. Darauf hat beispielsweise auch Rodewald in ihrer Analyse zur Bedeutung des Boxens für die Identitären hingewiesen, das dort als für Wehrhaftigkeit gegen Bedrohungen von außen wie von innen fungiert. Die Bemerkung von Virchow, dass zwar das Ideal der soldatischen Männlichkeit nach 1945 zumindest gesamtgesellschaftlich seinen hegemonialen Status verloren hat, im Rechtsextremismus jedoch nach wie vor aufrechterhalten wird – wenngleich es nicht immer in gleichem Maße praktiziert wird, scheint nach wie vor nichts an Relevanz eingebüßt zu haben.
Im Vergleich zur Identitären Bewegung zeigen die Inszenierungen von Männlichkeiten bei den „Active Clubs“ eine strategische Anpassung, die von einem neu gewonnenen Selbstbewusstsein der extremen Rechten zeugt. Während die „Identitären“ Anschlussfähigkeit durch ein gemäßigtes Auftreten anstreben, setzen die Active Clubs bewusst auf die Konjunktur einer autoritär-maskulinistischen Männlichkeit, die durch affektive Strategien der extremen Rechten befeuert wird. Ungeachtet dessen, ob sich die Active Clubs in Deutschland weiterhin etablieren, wird symptomatisch in ihrem Auftreten deutlich, dass es innerhalb der extremen Rechten als strategisch sinnvoll erachtet wird, sich wieder offener und martialischer zu inszenieren.
Präventiv betrachtet ist eine stärkere Fokussierung auf das Spannungsfeld zwischen szeneinternen Männlichkeitsbildern und gesamtgesellschaftlichen Gender-Diskursen ratsam. Nur so lässt sich die Anziehungskraft dieser Inszenierungen auf Jugendliche nachvollziehen und entsprechend pädagogisch darauf reagieren zu können. Vor diesem Hintergrund bleibt es eine zentrale Aufgabe, die jugendkulturellen Erscheinungs- und Mobilisierungsstrategien der extremen Rechten innerhalb der Jugendkultur kontinuierlich aus einer genderreflektierenden Perspektive zu analysieren.

Februar 2026
Unter Incel versteht die Allgemeinheit frustrierte, zumeist weiße und rechtsgerichtete junge Männer. Im kollektiven Bewusstsein zeichnen sie sich vor allem durch online geäußerten Hass gegen Frauen und ferner Gewalttaten aus. Als transnationales Phänomen wurde die Online-Subkultur in den letzten Jahren umfangreich erforscht. Es gibt bisher jedoch kaum wissenschaftliche Erkenntnisse zu Angehörigen einer möglichen “deutschen Incel-Subkultur”. Hier setzt das Teilvorhaben des LKA Berlin an und untersucht u.a. Nutzungsverhalten und Kommunikationsformen unter deutschen Usern in Incel-Räumen. Neben anderen Eigenschaften, die deutsche User in der Kommunikation untereinander auszeichnen, fällt vor allem eines auf: sie sind auffallend divers. Diese Diversität spiegelt sich nicht zuletzt in ständigenAushandlungsprozessen der individuellen Incel-Identität wider.
Der Begriff Incel leitet sich von “involuntary celibate” (deutsch: unfreiwillig zölibatär) ab und ist die Selbstbezeichnung von Anhängern der Szene. Sie vereint die sexuelle und romantische Frustration in Bezug auf ihr Unvermögen, eine Partnerin zu finden. Seit den frühen 2010ern formiert sich die Szene im Internet auf Mainstream-Plattformen und in digitalen Rückzugsorten, wie exklusiven Onlineforen sowie privaten Servern und Chats (Brace et al. 2023a). Die Gesamtheit der User in diesen Online-Räumen wird als “Incelosphere” bezeichnet. Aus der „Incelosphere“ heraus hat sich die sogenannte “Blackpill-Ideologie”[1] entwickelt, welche vermeintlich grundlegende Dynamiken der Gesellschaft zu beschreiben versucht (Vgl. Sugiura 2021: Kap. 1). Im Kern besagt sie zum einen, dass Genetik und vor allem das Aussehen über alle Aspekte des Lebens maßgeblich bestimmen. Demzufolge gäbe es unausweichlich vorbestimmte gesellschaftliche Gewinner und Verlierer. Zum anderen wird Frauen Triebhaftigkeit unterstellt, die durch Feminismus befeuert in der Diskriminierung von nicht attraktiven Männern – den Incel – resultiert. Frauen würden sich ausschließlich auf die attraktivsten Männer einlassen. Mit der daraus resultierenden romantischen und sexuellen Frustration wird ein glühender misogyner Hass gerechtfertigt, der auch in extremer Gewalt mündet. Globale Aufmerksamkeit erhielt das Phänomen so v.a. seit den Attentaten von Kalifornien 2014 und Toronto 2018, bei dem eine “Incel Rebellion” ausgerufen und gezielt Frauen getötet wurden.
Feminismus wird als eine Folge des Werteverfalls der liberalen westlichen Gesellschaften verstanden. Deshalb stellen die westliche (Post-)Moderne und ihre Verfechter:innen das übergeordnete Feindbild dar. In diesem Narrativ finden sich Anknüpfungspunkte zu anderen reaktionären bis extremen Ideologien, Antisemitismus und diversen Verschwörungsnarrativen (Vgl. Moonshot 2022).
Radikalisierungsprozesse wurzeln häufig in persönlicher Frustration und einer bereits vorhandenen Ablehnung liberaler Werte. Nimmt ein junger Mann die Identität als Incel für sich an, findet er Anschluss in einem sehr auf Privatsphäre bedachten Online-Netzwerk, das als Katalysator für Radikalisierungsprozesse funktioniert. Die Selbstidentifikation als Incel und weitere Faktoren wie Einsamkeit, subjektive Ausgrenzungserfahrungen und psychische Erkrankungen werden in massiv selbst-abwertender Weise thematisiert. Es wird also gruppenbezogener Hass – vor allem auf Frauen – mit Selbsterniedrigung verknüpft (Halpin 2022). Extremer Nihilismus, der mit der Ausweglosigkeit der eigenen Situation begründet wird, nimmt dabei eine zentrale ideologische Funktion in der „Incelosphere“ ein. Um diesem Nihilismus und Hass Ausdruck zu verleihen und vermeintliche gesellschaftliche Dynamiken zu beschreiben, haben sich in der “Incelosphere” eine Vielzahl entsprechender Codes und ein komplexes “Blackpill-Vokabular” entwickelt (Vgl. Gothard 2021 & Baele et al 2023). Die nachfolgenden Beispiele aus der laufenden qualitativen Auswertung zeigen, wie stark die Kommunikation hiervon geprägt ist.
In der “Incelosphere” wird fast ausschließlich auf Englisch kommuniziert, auch die Codes und das Vokabular sind exklusiv englisch geprägt. Deshalb und da Feminismus und Liberalismus als übergreifendes Problem in Europa und Nordamerika verstanden werden, spielen Ländergrenzen eine untergeordnete Rolle. Incel können daher als transnationales Phänomen westlicher Gesellschaften begriffen werden. Auf dieser transnationalen Ebene spielt die (individuelle) ethnische Identität jedoch in zweierlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Einerseits wird gruppenbezogenem Hass in rassistischer Weise Ausdruck verliehen, andererseits die eigene Ethnizität zur Selbstabwertung genutzt.
So ist allgemein eine weite Verbreitung rassistischer Narrative festzustellen, die sich u.a. in der häufigen Verwendung des N-Wortes manifestiert. Auffällig ist etwa auch die weit verbreitete Feindlichkeit gegen Menschen indischer Identität. Die gegenseitige Abwertung unter Incel aufgrund von Ethnizität und Hautfarbe ist fester Bestandteil der Kommunikation, was sich in entsprechenden Codes widerspiegelt. Als Bezeichnung für Incel indischer Identität hat sich so beispielsweise „Currycel“ etabliert (Woodward et al 2023: 5).
In selbstabwertenden Äußerungen wird zudem häufig die ethnische Identität als Grund angeführt, weshalb das eigene “unfreiwillige Zölibat” als noch auswegloser angesehen wird, als das von Incel anderer Ethnizität. Zentral sind Narrative vermeintlicher Höher- oder Minderwertigkeit von Männergruppen bestimmter Ethnien hinsichtlich ihrer sexuellen Attraktivität für Frauen (Czerwinsky 2023: 209–21). Diese würden in ihrer Anspruchshaltung und Triebhaftigkeit andere gesellschaftliche, bzw. ethnische Gruppen von Männern gegenüber der eigenen bevorzugen.
Beispielhaft ist hierfür die in der “Incelosphere” unironisch und seit langem umfassend diskutierte Frage: „Just be White or Just Be Black?“ (kurz: „JBW vs. JBB“) (Vgl. Sugiura 2021: 98). Im Wesentlichen stehen sich dabei zwei Incel-Fraktionen gegenüber. Sie behaupten jeweils, dass Frauen – mehrheitlich oder gar grundsätzlich – weiße oder schwarze Männer bevorzugten. Der jeweils anderen Seite wird vorgehalten, von einer vermeintlich triebhaften Grundeigenschaft des weiblichen Wesens zu profitieren. Die eigene Situation würde so aufgrund der Zugehörigkeit zur vermeintlich benachteiligten Gruppe verschärft. Neben der selbst-abwertenden Grundhaltung unter Incel zeigt diese Dynamik, dass die Anhängerschaft der “Incelosphere” zwar ausschließlich männlich, hinsichtlich ihrer Ethnizität jedoch durchaus divers ist.
Anhand von Beispielen aus der frei zugänglichen, öffentlichen Kommunikation deutscher User der “Incelosphere” soll der Aspekt der ethnischen Diversität im Nachfolgenden beleuchtet werden. Die Beispiele stammen aus der im RadiGaMe-Teilprojekt des LKA Berlin durchgeführten qualitativen Auswertung von Kommunikation in Clustern deutscher User innerhalb des Online-Ökosystems der “Incelosphere”.[2] Sie geben einen exemplarischen Einblick in erste Erkenntnisse in Bezug auf ideologische Besonderheiten einer “deutschen Incel-Szene” innerhalb der transnationalen “Incelosphere”. Alle Beispiele stammen vom Incel-Forum incels.is, welches als einer der relevantesten Online-Räume der “Incelosphere” und eine der umfassendsten wissenschaftlich untersuchten Incel-Websites eingeordnet werden kann (Aiolfi 2024: 2). Um vollen Zugang zum Forum zu erlangen und Inhalte teilen zu können, muss ein Bewerbungsprozess durchlaufen werden. Nur sehr aktive User erhalten vollen Zugang und genießen das Vertrauen der Community. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass sich der Großteil der aktiven (deutschen) User der Website als Incel identifiziert und die “Blackpill-Ideologie” für sich als Weltbild angenommen hat.
Die qualitative Auswertung von Forumsbeiträgen zeigt, dass incels.is von einer überschaubaren Zahl an aktiven Usern genutzt wird. Viele kennen sich auf einer relativ persönlichen Ebene. Dementsprechend geben die Betreiber der Website an, dass diese vor allem den Zweck erfülle, gleichgesinnten, einsamen Männern einen geschützten und anonymen Raum zum Austausch zu bieten. Neben extremer Misogynie und Diskussionen zu Narrativen der “Blackpill-Ideologie” fließen deshalb konstant Aspekte des persönlichen sowie des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland in den Austausch unter deutschen Incel auf dem Forum ein.

Dabei fällt auf, dass eine Vielzahl deutscher User einen Migrationshintergrund zu haben scheint und häufig ein starkes Identifikationsmoment mit diesem mitteilt. Vor diesem Hintergrund erhält die sexuelle und romantische Frustration unter jungen muslimischen Männern als gewichtiger Faktor für Radikalisierung jüngst Aufmerksamkeit. In der Islamismusforschung wird der Begriff Incel deshalb um den Zusatz “Muslim Incel” zu “Mincel” erweitert (Aytekin 2024). Demgegenüber steht eine große Gruppe jener deutschen User – in der Regel ohne Migrationshintergrund –, die ihre Überzeugung von rechtsradikalen bis -extremistischen Ideologien deutlich äußern. Im Forum kommen folglich junge Männer zusammen, die sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen bzw. ethnischen Gruppen angehören. Gegenseitig entgegengebrachte Feindseligkeit ist häufig die Folge und zeichnet das Bild einer inhomogenen Gruppe, die in vielerlei Hinsicht eine große Widersprüchlichkeit aufweist. Das verbindende Moment ist offenkundig der geteilte Hass auf Frauen, die im Kollektiv für subjektiv empfundene Diskriminierungserfahrungen verantwortlich gemacht werden.
Mit Blick auf „JBW vs. JBB“ zeigt folgendes Beispiel, dass unter deutschen Usern mit Migrationshintergrund ebendieser genutzt wird, um sich selbst abzuwerten. Im nachfolgenden Beispiel klagt ein User, dass ihn seine deutsche Sozialisierung für Frauen vermeintlich weniger attraktiv mache. Zusätzlich leide er unter seinem migrantischen Erscheinungsbild und seinen entsprechend geprägten Charaktereigenschaften. Deutlich wird auch die hochgradig kodierte Sprache unter Incel.[3]

Bemerkenswert ist darüber hinaus eine Vielzahl rassistischer Kommentare rechts bis rechtsextremistisch gesinnter deutscher User, die auf den Migrationshintergrund anderer deutscher Incel Bezug nehmen. Im direkten Austausch mit Usern mit Migrationshintergrund zum betreffenden Thema äußern rechts bis rechtsextremistisch gesinnte deutsche User ihren gruppenbezogenen Hass offen.

Rassismus bzw. Islamophobie wird von jenen Usern zudem dazu genutzt, um rechte bis rechtsextremistische gesellschaftspolitische Positionen deutlich zu machen und sich gleichzeitig selbst abzuwerten.

Die Ablehnung von Migration wird indes auch losgelöst von der “Blackpill-Ideologie” und unter Verwendung gängiger rechtsextremistischer Argumentationsmuster diskutiert. Gleichgesinnte deutsche User, die ihre Haltungen auch etwa über Profilbilder deutlich machen, treten in den intensiven Austausch, dem keine bis kaum Widerrede geboten wird.


Die Thematisierung von mangelndem Sicherheitsempfinden in Zusammenhang mit vermeintlicher Überfremdung sowie gesellschaftlichen Verfalls legt die weite Verbreitung rechtsradikaler bis rechtsextremistischer Einstellungen nahe. Mutmaßlich von der äußerst anonymen und dadurch geschützten Kommunikation im Forum verleitet, äußern User so auch teils neonazistische Positionen. Im folgenden Beispiel – einer direkten Antwort auf den ursprünglichen Post aus Beispiel 1 – verknüpft ein User neben misogynen Argumentationsmustern (siehe „JBW vs. JBB“) Islamophobie mit der Verherrlichung des Nationalsozialismus (Forderung einer „Endlösung in der Moslemfrage“).

Die Grundannahme der „Blackpill-Ideologie“, dass Genetik alles bestimmend und Frauen die Schuld für die eigene Situation zu geben sei, teilen alle Incel. Auf zutiefst persönlicher Ebene wird die Ausweglosigkeit der eigenen Situation vermittelt und Misogynie dadurch legitimiert. Dieser Logik entsprechend kann die “Blackpill-Ideologie” grundsätzlich junge Männer unterschiedlicher ethnischer Identität ansprechen. Im Zusammenspiel mit anderen – teils widersprüchlichen – extremistischen Ideologien ist sie eine äußerst potente Triebfeder in Radikalisierungsprozessen (Vgl. Peter & Weyda 2025b). Im Hinblick auf die Präventionspraxis in Deutschland bedeutet dies, dass Grundwissen zur „Incelosphere“, der „Blackpill-Ideologie“ und ihrer codierten Sprache ggf. nicht ausreicht. Die individuellen politischen und persönlichen Hintergründe von selbsterklärten Incels müssen in ihrer Diversität mit betrachtet werden. Während Misogynie als verbindendes Moment dieser inhomogenen Gruppe funktioniert, bedarf es im Umgang mit den betreffenden jungen Männern in der Prävention nuancierter Angebote.
Aiolfi, Irene, Nicola Palena, Caolite O Ciardha, Letizia Caso. 2024. “The incel phenomenon: A systematic scoping review. In Current Psychology Vol. 43: 26264–26278. DOI: 10.1007/s12144-024-06236-6
Aytekin, Vildan. 2024. „Incel-Subgruppen und ihre Dynamiken innerhalb der Mannosphäre: Eine explorative Analyse zu muslimischen „red pill“-Communitys und Mincels (muslimische Incels)“. In KNIX-Analayse #17. kn-ix.de/wp-content/uploads/2022/07/241216_KNIX_ufuq.de_Analyse18.pdf (Letzter Zugriff: 06.08.2025)
Baele, Stephane J., Lewys Brace & Travis G. Coan. 2021. “Variations on a Theme. Comparing 4chan, 8kun, and Other chans’ Far-Right “pol” Boards”. In Perspectives on Terrorism Vol. 15 No. 1. S: 65-80
Baele, Stephane J., Lewys Brace & Debbie Ging. 2023. “A Diachronic Cross- Platforms Analysis of Violent Extremist Language in the Incel Online Ecosystem”. In Terrorism and Political Violence. Vol 35 No. 6. DOI: 10.1080/09546553.2022.2161373
Czerwinsky, Allysa (2023). „Misogynist incels gone mainstream: A critical review of the current directions in incel-focused research“. In Crime, Media, Culture 20(2). https://doi.org/10.1177/17416590231196125. S. 196-217
Gothard, Kelly Caroline. 2021. The incel lexicon: Deciphering the emergent cryptolect of a global misogynistic community. The University of Vermont and State Agricultural College.
Halpin, Michael. 2022. “Weaponized Subordination. How Incels Discredit Themselves to Degrade Women”. In Gender & Society Vol. 36 No. 6. S: 813–837. DOI: 10.1177/08912432221128545
Moonshot. 2022. Examining Antisemitic Conspiracy Theories In Incel Forums. moonshotteam.medium.com/examining-antisemitic-conspiracy-theories-in-incel-forums-7d42ea5d3777 (Letzter Zugriff: 06.08.2025)
Moskalenko, Sophia, Juncal Fernández-Garayzábal González, Naama Kates, Jesse Morton. 2021. “Incel Ideology, Radicalization and Mental Health”. In The Journal of Intelligence, Conflict, and Warfare Vol. 4 No. 3. S: 1-29.
Peter, Hannes Jakim, Weyda, Kevin. 2025a. To be published. Wissenschaftlicher Zwischenbericht. www.radigame.de
Peter, Hannes Jakim, Weyda, Kevin. 2025b. To be published. Die “Blackpill” als „dünne Ideologie“: potente Triebfeder in der Radikalisierung junger Männer. www.radigame.de
Sugiura, Lisa. 2021. The Incel Rebellion: The Rise of the Manosphere and the Virtual War Against Women. Emerald Publishing Limited.
Woodward, Alexandra, Mariapaola Gironda, Rayme Silverberg, Christie Vargas, & Christopher Wozniak. 2023. Incels: Inside the world of involuntary celibates. Attorney General New York & NYU Center for Global Affairs.
[1] Es handelt sich um eine Überspitzung der Metapher der “Red-Pill”, die im Zusammenhang mit rechten Verschwörungsideologien vielfältig Verwendung findet. Wie im Film “Matrix” (1997) würde man durch das Schlucken der roten Pille die Wahrheit erkennen und aus dem Lügenkonstrukt befreit. Die “Blackpill”, also schwarze Pille, soll als zynischere, bzw. finsterere Version der Metapher verstanden werden (Moskalenko 2021: 3).
[2] Einen vertiefenden Einblick in die systematische Auswertung der Kommunikation deutscher Incel-User im Teilprojekt gibt es im wissenschaftlichen Zwischenbericht auf dem RadiGaMe-Blog (Peter & Weyda 2025a).
[3] Cucked Beta Male = ein von einer oder allen Frauen unterworfener und devoter Mann, der nicht durchsetzungsfähig ist (“Beta Männchen” entgegen “Alpha Männchen”); Ethnic Tax = migrantische Identität wird als die eigene Attraktivität für Frauen mindernd wahrgenommen; Lowkey = unterschwellig, im Ansatz; Hikikomori = japanische Bewegung junger Männer, die ohne soziale Kontakte und als “Einsiedler” leben; Moggery (ferner Mockery) = subjektiv wahrgenommene Demütigung durch die Präsenz attraktiver Männer; ropemaxxen = Suizid begehen; Cope = Bewältigungsstrategie
[4] moggen / gemoggt werden = durch die Attraktivität anderer junger Männer gedemütigt fühlen
[5] Chad = äußerst attraktiver Mann, der von Frauen begehrt wird
Juni 2026
Wer beginnt, sich mit der Online-Subkultur der Incel auseinanderzusetzen, kommt unweigerlich mit ihrer “Blackpill-Ideologie” in Berührung. Sie funktioniert häufig auch für sich radikalisierende junge Männer als erster Kontaktpunkt mit der Incel-Szene. Die “Blackpill-Ideologie” scheint ihnen ihre persönliche Situation zu erklären und zeigt dabei doch keine Lösung auf. Im Kern besteht sie aus einem argumentativen Mechanismus, der stattdessen Hass und Fatalismus legitimieren sowie gleichzeitig moralische Absolution dafür erteilen soll. Dieser Mechanismus funktioniert gleichermaßen als Triebfeder für teils diffuse Radikalisierungsdynamiken und verbindendes Moment innerhalb einer diversen Gruppe junger Männer. Durch den strukturellen Vergleich mit dem Konzept der „dünnen Ideologie“ wird sich dieser Funktionsweise angenommen.
Im Wesentlichen besteht die “Blackpill-Ideologie” aus zwei Aspekten: einerseits aus einem gegen sich selbst gerichteten Glauben an die Unveränderbarkeit der eigenen Situation aufgrund des Aussehens, dem sog. genetischen Determinismus (Moskalenko 2022: 2). Andererseits aus der Überzeugung, dass sich die Gesellschaft dahingehend verändert habe, dass das eigene Aussehen in allen Lebensbereichen alles entscheidend sei. Diese als Lookism bezeichnete universelle soziale Bewertung allein auf Grundlage des Äußeren bedeute für Incel aufgrund mangelnder sexueller Attraktivität gesellschaftlichen Ausschluss. Gleichzeitig profitierten attraktive Menschen – v.a. Frauen – von Lookism und Liberalismus, da liberale Werte einer vermeintlichen weiblichen Triebhaftigkeit Vorschub leisten würden. Hinsichtlich der Partnerwahl hätte Lookism demnach schon immer eine zentrale Funktion innegehabt. Der Liberalismus der westlichen Gesellschaften und vor allem der Feminismus hätten Frauen darüber hinaus jedoch eine falsche Anspruchshaltung vermittelt. Unter allen Frauen bestünde nun der Anspruch, nur mit den attraktivsten Männern (sog. “Chads”) in Kontakt treten zu wollen. “Chads” sähen sich so mit einem vermeintlichen Überangebot möglicher romantischer Beziehungen sowie sexueller Kontakte konfrontiert (Vgl. Preston et al 20221 & Pelzer et al 2021). Währenddessen würden weniger attraktiv wahrgenommene Männer zwangsläufig diskriminiert und müssten unfreiwillig zölibatär leben. Diese vermeintliche, als “Hypergamie” bezeichnete Gesellschaftsdynamik dient mit pseudowissenschaftlicher Untermauerung der Rechtfertigung von glühender Misogynie. Das weibliche, „hypergame“ Verhalten mache unfreiwillig zölibatär lebende Männer zu Opfern der liberalen Moderne und weiblicher Freiheit (Halpin 2022). Diese selbstkonstruierteOpferrolle wirkt zusammen mit der „Blackpill-Ideologie“ als verbindendes Moment der sonst ethnisch und sozio-kulturell eher inhomogen strukturierten Online-Subkultur (Peter & Weyda 2025).
Da die “Blackpill-Ideologie” im Kern lediglich aus genetischem Determinismus und Looksim besteht, wird deutlich, dass es sich nicht um ein vollständiges Weltbild handelt. In diesem Zusammenhang kann deshalb Bezug auf das Konzept der “dünnen Ideologie” genommen werden. Zunächst soll dieses kurz am Beispiel des Rechtspopulismus dargestellt und nachfolgend “dünne Ideologie” und „Blackpill-Ideologie“ strukturell in Vergleich gesetzt werden. In seiner derzeitigen begrifflichen Definition mit Blick auf Populismus etabliert, beschreibt die „dünne Ideologie“ mehr ein grundlegendes Narrativ, bzw. eine zentrale argumentative Mechanik, denn eine Ideologie. Sie funktioniert als Fundament für die Auslegung einer “dicken”, bzw. komplexeren “Wirtsideologie” (Vgl. Mudde 2004).[1] Im Fall des Populismus kann diese “dünne Ideologie” auch als politischer Stil verstanden werden (Vgl. Mudde 2007: 36). So basiert Populismus auf dem Narrativ der dichotomen Unterscheidung von einem “reinen”, unbescholtenen Volk und einer korrupten, lügenden und ihre Macht missbrauchenden Elite. Diese beabsichtige, das Volk mindestens um seinen Wohlstand zu bringen oder bedroht es gar in seiner Existenz. Ein populistischer Akteur – etwa eine Partei oder Rädelsführer:in einer politischen Bewegung – inszeniert sich entgegen dieser Elite als Kämpfer:in oder Retter:in des Volks. Es bedarf dabei einer ideologischen Kontextualisierung durch eine Wirtsideologie, die eine Begründung argumentativ herleitet. Der Rechtspopulismus verbindet Populismus mit Rechtsradikalismus bzw. -extremismus und konstruiert eine Elite als Feindbild beispielsweise in Form demokratisch-progressiver Parteien (Vgl. Minkenberg 2018). Durch deren Haltung gegen Nationalismus und für Vielfalt sowie ihr vermeintliches gezieltes Befördern von illegaler Migration würden sie das Volk seiner Identität berauben und andere Meinungen unterdrücken. In diesem Zusammenhang würde Migration außerdem Wohlstand, Sicherheit und die Existenz des eigenen Volks gefährden.
Betrachtet man nun die “Blackpill-Ideologie” vor dem Hintergrund dieses Konzepts, fallen strukturelle Parallelen zum Populismus als “dünner Ideologie” auf. Zentral ist die moralische Absolution, welche beide zu vermitteln versuchen: die eigene Haltung – basierend auf subjektiv empfundener Ausgrenzungs- bzw. Bedrohungserfahrung und Angst – wird in der Eigengruppe legitimiert und bestärkt. Die eigene Unbescholtenheit bezüglich der wahrgenommenen Missstände wird bestätigt, während vermeintlich klar Schuldige benannt und diesen Bösartigkeit unterstellt werden.
Im Beispiel des Rechtspopulismus wird moralisch für nationalistische Gefühle und völkisches Gedankengut Absolution erteilt. Diese seien etwas Positives und die Verteidigung von nationaler Kultur, kollektiver Identität und Ethnie sogar geboten. Die „Blackpill-Ideologie“ suggeriert jungen Männern unterdessen, dass in ihrem Leben die eigene Genetik, bzw. das Aussehen der dominante und alleinige sowie allumfassende Faktor ist. Dieser ist absolut und nur eingeschränkt beeinflussbar und liegt somit weitestgehend außerhalb ihres Einflussbereichs. Folglich ist die eigene Situation gleichermaßen ausweglos wie nicht selbst verschuldet. Frauen würden diese Situation allgemein verschärfen, was Misogynie rechtfertige. Aufgrund ihrer „hypergamen“ Anspruchshaltung werden Frauen als Teil einer quasi elitären Gesellschaftsgruppe dämonisiert. Ferner werden auch andere “Nutznießer” der vermeintlichen Hypergamie – allen voran “Chads” – zum Teil dieser elitären Gruppe erklärt. In beiden Fällen erfüllt die Funktionsweise als argumentativer Mechanismus einen nahezu identischen Zweck. Die Konstruktion eines bösartigen, elitären Feindbilds identifiziert eine konkrete gesellschaftliche Personengruppe in Machtposition als Bedrohung der Existenz, bzw. Grund für Deprivation von Bedürfniserfüllung. In beiden Fällen wird die Personengruppe als parasitär angesehen sowie als nicht rechtmäßig und als Konsequenz des Liberalismus in einer Machtposition innerhalb der Gesellschaft. Indem Anhänger:innen von Rechtspopulismus und „Blackpill-Ideologie“ zu unschuldigen Opfern erklärt werden, wird ein sich zur Wehrsetzen legitim. Auf diesem ideologischen Fundament können sich resultierende Radikalisierungsprozesse verankern.
Die argumentative Funktionsweise des Rechtspopulismus ist allerdings kollektivistisch ausgerichtet. Es wird sowohl kollektiv ein ethnisch reines Volk adressiert, als auch eine politische Lösung aufgezeigt, die auf dem kollektiven Kampf einer Volksgemeinschaft unter Führung einer Personengruppe – wie etwa einer Partei – basiert. Im Gegensatz dazu spricht die “Blackpill-Ideologie” junge Männer auf einer individualistischen Ebene an und vermittelt auf dieser den Glauben an Unabänderlichkeit der persönlichen Situation. Der Rechtspopulismus stellt quasi eine Einladung zu einer kollektivistischen politischen Bewegung, eines gemeinschaftlichen Größeren dar. Demgegenüber verbannt „Blackpill-Ideologie“ ihre Anhänger dazu, auf der individualistischen Ebene zu verbleiben.
Während der Populismus ein kollektives Gruppengefüge einer vermeintlich verratenen Mehrheit beschwört und damit Anknüpfungspunkte für ausgeprägte, etablierte Ideologien bietet, verlässt die “Blackpill-Ideologie” die individualistische Ebene auch argumentativ nicht. Da aus der Unveränderlichkeit der Genetik die Ausweglosigkeit der eigenen Situation biologistisch abgeleitet wird, ist eine strategische Verbesserung der Gesellschaft erstens weitestgehend aussichtslos. Zweitens besteht im Gegensatz zum Populismus kein sinnvoller ideologisch-argumentativer Anknüpfungspunkt für strategische Lösungsansätze, bzw. Wirtsideologien auf einer möglichen kollektivistischen Ebene. Solche Lösungsansätze, die alle oder zumindest mehrere Gesellschaftsbereiche – etwa durch sozial-, wirtschafts- oder sicherheitspolitische Zielsetzungen – betreffen, würden eine ausgeprägte Ideologie charakterisieren.[2]
Das populistische Narrativ und Rechtsradikalismus bzw. -extremismus ergänzen einander sinnvoll. Die “Blackpill-Ideologie” hingegen verbleibt ohne passende etablierte und kohärente Wirtsideologie. Zwar gibt es mit Antisemitismus und Misogynie zwei Ideologeme, die eng mit der “Blackpill-Ideologie” in Verbindung stehen, jedoch stellen diese weder für sich, noch zusammenwirkend komplexe Glaubens- oder Wertesysteme dar. Als Ideologie, die das individuelle Außenseiterdasein innerhalb der Gesellschaft untermauert und beschwört, zeichnet sie stattdessen ein äußerst nihilistisches Weltbild: aus der Außenseiterrolle wird kollektiv eine extreme Selbstabwertung abgeleitet. Für Anhänger der “Blackpill-Ideologie” beschränkt sich die Gruppenzugehörigkeit auf die kollektive Existenz als gesellschaftliche Außenseiter ohne Aussicht auf vollwertige Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Leben. Aus dieser Perspektive heraus erscheint das Streben nach individueller oder kollektiver Zugehörigkeit zum Rest der Gesellschaft sinnlos. Entsprechend wird strategischen Lösungsansätzen und etablierten Ideologien größtenteils mit Zynismus begegnet. Es bleibt überdies dem individuellen Incel überlassen, einen persönlichen, ideologischen Überbau für das dünne Fundament der „Blackpill-Ideologie“ zu konstruieren.
In ihrer argumentativen Funktionsweise ergibt die “Blackpill-Ideologie” für einsame, frustrierte junge Männer unterschiedlichsten Hintergrunds jedoch Sinn. Sie erklärt die persönliche Situation und benennt biologische Eigenschaften als unveränderbaren Ursprung des persönlichen Leids, was durch gesellschaftliche Umstände weiter massiv verstärkt werde. Die “Blackpill-Ideologie” beschränkt sich im Wesentlichen auf das singuläre, nihilistisch-fatalistische Narrativ der Ausweglosigkeit der eigenen Situation. Mutmaßlich aufgrund dieses potenten Narrativs wirkte die “Blackpill-Ideologie” in der Vergangenheit auch handlungsleitend in gesellschaftspolitischen Gewaltdelikten, bzw. Terror. Vor allem sind hier zwei explizite Incel-Attentate von Isla Vista (USA) in 2014 und Toronto in 2018 zu nennen. Außerdem spielte die “Blackpill-Ideologie” im Radikalisierungsprozess des Attentäters von Halle (2019) eine Rolle.
Vor dem Hintergrund u.a. dieser Attentate wird unter Anhängern des Phänomens von einer “Incel Rebellion” gesprochen (Vgl. Sugiura 2020: Kap. 3). Diese meint zwar in nihilistischer Weise eine strategische, gesellschaftspolitische Einflussnahme durch den Umsturz der westlichen Gesellschaften als Folge von Nachahmung der Attentate durch andere unfreiwillig zölibatär lebende Männer. Praktisch geht es in der Verherrlichung jedoch vornehmlich um direkte, interpersonelle und gegen Frauen gerichtete Rachefantasien.[3] In den Fällen von Isla Vista und Toronto wurde diese an den Opfern stellvertretend für alle Frauen genommen, die für die eigene Situation verantwortlich gemacht werden. Insbesondere diese beiden Täter werden in der sog. “Incelosphere” – der Gesamtheit der Incel-Online-Subkultur – für ihr vermeintlich selbst-ermächtigendes Verhalten verehrt.
Dieser zuweilen extreme Nihilismus der „Blackpill-Ideologie“ kann sich abhängig von persönlichen Haltungen auch gegen mehrere gesellschaftliche Gruppen richten. Denn mit gruppenbezogenem Hass gegen all jene, die für die Verschärfung der persönlichen Situation verantwortlich gemacht werden, ist die „Blackpill-Ideologie“ sehr gut in Einklang zu bringen. Ausgehend von der individualistischen Ebene können (extremistische) Haltungen und Ideologiefragmente vor dem individuellen politischen, ethnischen und sozio-kulturellen Hintergrund ergänzt werden. So funktioniert die “Blackpill-Ideologie” als potente Triebfeder von stark individualisierten Online-Radikalisierungsprozessen, welche Hass, Nihilismus und Zynismus legitimiert. Die “Blackpill-Ideologie” als Weltanschauung bildet in einigen Fällen – ggf. zusammenwirkend mit der Annahme der Incel-Identität – die Grundlage für die Radikalisierung junger Männer.
Als dünne Ideologie verleiht die “Blackpill-Ideologie” der subjektiv empfundenen Ausgrenzung, bzw. Diskriminierung eine greifbare Gestalt und liefert eine grundsätzliche Erklärung für die eigene Situation. Darüber hinaus steht das zentrale Narrativ der persönlichen Ausweglosigkeit nicht im Widerspruch zu extremen politischen Haltungen, die auch andere gesellschaftliche Bereiche als Partnerwahl und Sexualleben betreffen. Ergänzend kann etwa gruppenbezogener Hass in Zusammenhang mit Migration, Xenophobie und Antisemitismus mit der “Blackpill-Ideologie” in Einklang gebracht und mit der empfundenen Ausweglosigkeit gerechtfertigt werden. Feindbilder sind dabei von größerer Relevanz als die logische Schlüssigkeit von ideologischen Fragmenten, die miteinander in Verbindung gebracht werden. Beispielsweise steht für die Incelosphere die Verherrlichung von Gewalt gegen Frauen durch den Islamischen Staat nicht im Widerspruch zu Sympathie mit den “Remigrationsplänen” der AfD.
Hier liegt ein weiterer zentraler Unterschied zwischen der “Blackpill-Ideologie” als dünner Ideologie und etablierten Ideologien: innerhalb der Incelosphere besteht kein Anspruch auf Widerspruchsfreiheit. Während innerhalb von Glaubenssystemen durch (vorgebliche) Argumente Widersprüche bestmöglich kaschiert und damit integriert werden, erlaubt es die nihilistische “Blackpill-Ideologie” ihren Anhängern, sich mit Widersprüchlichkeit nicht auseinandersetzen zu müssen. Dem genetisch-deterministischen Leitgedanken der “Blackpill-Ideologie” – sowie daraus abgeleitet Fatalismus und Misogynie – können sich grundsätzlich widersprechende Weltbilder somit frei untergeordnet werden.
In der Gesamtschau erscheint die ideologische Zusammensetzung der “Incelosphere” somit als in weiten Teilen diffus und nicht schlüssig. Dies ist auch auf die bereits erwähnte ethnisch und sozio-kulturell inhomogene Struktur der „Incelosphere“ zurückzuführen (Peter & Weyda 2025). Die “Blackpill-Ideologie” und die daraus abgeleitete und gerechtfertigte Misogynie sind das zentrale, verbindende Moment. Auf der individuellen Ebene verknüpfen Incel auf Basis der “Blackpill-Ideologie” verschiedene Ideologien, bzw. ideologische Fragmente scheinbar willkürlich miteinander. Von Relevanz sind dabei Feindbilder gesellschaftlicher Gruppen die der persönlichen Haltung und Situation entsprechen. Ausgehend von diesem gruppenbezogenen Hass werden auf der individuellen Ebene bzw. in Online-Interaktion verschiedene, teils diffuse und miteinander im Widerspruch stehende Ideologien vermischt. Diese Art von instabilen, sich fortwährend verändernden (Gruppen-)Ideologien, die sich in ihrer Gesamtheit nur schwer einordnen lassen und daher unklar zu bewerten sind, werden als “Mixed Unclear Unstable Ideologies” (“MUU”) bezeichnet (Vgl. Meleagrou-Hitchens & Ayad 2023).
Die Incelosphere und ihre Online-Räume können als Musterbeispiel für MUU angeführt werden (Baele et al 2023). In diesem Kontext funktioniert die “Blackpill-Ideologie” primär als argumentative Mechanik, die gruppenbezogenen Hass herleitet und legitimiert – wie der Populismus im oben illustrierten Beispiel des Rechtspopulismus. Als grundlegendes Narrativ spricht die “Blackpill-Ideologie” für Radikalisierung anfällige, frustrierte und einsame junge Männer an, liefert eine Erklärung für die persönliche Situation und benennt vermeintlich Schuldige. Während dieser initialen Radikalisierung wird mit Misogynie das erste und zentralste Feindbild der Incelosphere etabliert. Ausgehend davon wird sich ideologisch diffus mehrerer teils widersprüchlicher Wirtsideolgien bedient und diese jeweils mit Misogynie in Verbindung gebracht. Zentral als erklärendes Moment bleibt auf individualistischer Ebene jedoch der feste Glaube an die Ausweglosigkeit der eigenen Situation. Ähnlich dem Populismus als vergleichbarer dünner Ideologie dient diese zentrale Haltung, bzw. Überzeugung als Fundament für andere Ideologien.
Im Falle der Incelosphere sind diese jedoch nicht kohärent, sondern bestehen aus instabil gekitteten Ideologiefragmenten. Während (Rechts-)Populismus Kollektivismus beschwört und ein Glaubenssystem vorgibt, sind Anhänger der „Blackpill-Ideologie” dazu gezwungen, auf der individualistischen Ebene verbleibend, eine eigene Ideologie zu konstruieren. Da innerhalb der „Incelosphere“ kein Anspruch auf ideologische Widerspruchsfreiheit besteht, haben die individuellen Anhänger großen “Gestaltungsfreiraum” bei der Konstruktion. In Konsequenz entsteht mit der „Blackpill-Ideologie“ und der „Incelosphere“ ein postideologisches Phänomen der MUU.
Baele, Stephane J., Lewys Brace & Debbie Ging. 2023. “Where do ‘mixed, unclear, and unstable' ideologies come from? A data-driven answer centred on the incelosphere”. In Journal of Policing, Intelligence and Counter Terrorism Vol. 18. DOI: 10.1080/18335330.2023.2226667
Converse, Philip E. 1964. The Nature of Mass Belief Systems in Mass Publics. In Ideology and Discontet, Hrsg.: David Apter. The Free Press: Glencoe, IL: 206-261.
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[1] Ursprünglich lässt sich der Begriff der “dünnen Ideologie” auf Freeden zurückführen, der ihn mit Bezug auf beispielsweise Feminismus und Nationalismus prägte (1996). Auf spezifische Leitgedanken fußend, seien diese keine vollkommenen Ideologien. Gegenwärtig findet der Begriff „dünne Ideologie“ v.a. in seiner oben ausgeführten Form Verwendung. Das Konzept der “dünnen Ideologie” wird auch grundsätzlich kritisch betrachtet (etwa Schroeder 2020).
[2] Die begriffliche, bzw. konzeptionelle Definition von Ideologie ist allgemein schwierig. Neben der abwertenden Verwendung des Begriffs zur Markierung eines politischen Gegners kann er auch abstrakte Weltanschauungen und konkrete soziopolitische Programme beschreiben (Tepe 2012: 13-29). Um der Verwendung des Begriffs hier einen definitorischen Rahmen zu geben, soll Ideologie weit gefasst als kollektives Glaubens- bzw. Wertesystem mit konkreten Gestaltungszielen verstanden werden. Als solches beschreibt es auf einer Erkenntnisebene argumentativ (vorgeblich) schlüssig und zumindest die meisten Gesellschaftsbereiche betreffend einen idealisierten Gesellschaftszustand. Dazu liefert das Glaubenssystem auf einer daraus abgeleiteten Handlungsebene i.d.R. tiefgreifende und umfassende strategische Lösungsansätze, um diesen Zustand zu erreichen und beizubehalten. Die Verschleierung von Widersprüchen innerhalb des (vermeintlich logisch-)argumentativen Systems sowie den daraus abgeleiteten strategischen Lösungsansätzen ist dabei ein integraler Bestandteil von Ideologie.
[3] Es ist anzumerken, dass bspw. der Täter von Isla Vista ein umfassendes Manifest verfasste, welches bis heute in der Incelosphere referenziert wird. Darin wird eine maximal-misogyne Gesellschaft als Ideal konstruiert, in der Frauen versklavt und als Verfügungsmasse für Männer entrechtet werden. Der Zusammenhang zwischen der “Incel Rebellion” und dem betreffenden Manifest ist offensichtlich gegeben. Dennoch bleiben kollektive, planerische Umsturzfantasien innerhalb der Incelosphere höchst abstrakt und der nihilistischen Misogynie untergeordnet.